100 Dritter Teil. Kubische Konstruktionen. Größen Strecken, so braucht man doch keinen Streckenübertrager, da die kubische Kurve natürlich auch quadratische Aufgaben zu lösen gestattet. Aber es bleibt zu untersuchen, durch welche speziellen Daten der Kurve (z. B. Achsen, Zentrum od. dgl.) die zwei Parallelen- paare und die zwei Rechten ersetzbar sind. Ein erstes Resultat in dieser Hinsicht ist das von London, daß der Mittelpunkt des Er- zeugungskreises der Zissoide das Datum eines Quadrates ersetzen kann. Nimmt man zu der gezeichnet gegebenen kubischen Kurve noch einen Kegelschnittzirkel bzw. im metrischen Falle einen Zirkel hinzu, so werden im allgemeinen, nämlich, wenn im metrischen Falle die gegebene kubische Kurve keine zyklische (durch die Kreispunkte gehende), z. B. keine Zissoide ist, Aufgaben fünften und sechsten Grades lösbar. Z. B. kann man mit der gegebenen Kurve und dem Kreise y = x³ y² + x² + ay + bx + c = 0 die Gleichung sechsten Grades x² + x²+ax³ + bx + c = 0 auflösen. Jede Gleichung sechsten (also auch fünften) Grades läßt sich hierauf zurückführen, denn zunächst kann man die Glieder mit x5, x¹ durch eine quadratische Transformation eliminieren, dann kann man (im allgemeinen) die Koeffizienten von 26 und x2 durch eine Substitution x | kx einander gleich machen; das erfordert nur Lineal und Zirkel. Mit Hilfe einer kubischen Kurve nebst Lineal und Zirkel vollzog De la Hire ¹) die Fünfteilung des Winkels, und mit einer parabolischen Kon- choide löste Descartes alle Gleichungen fünften und sechsten Grades.*) Beim Gebrauch nicht einer gezeichnet vorliegenden kubischen Kurve, sondern eines Instruments, z. B. eines Zissoidenzirkels³), werden natürlich Aufgaben bis zum neunten Grade lösbar; er ist also für kubische Aufgaben kein angemessenes Lösungsmittel, sein Konstruk- tionsbereich reicht darüber weit hinaus und wäre erst noch genauer 1) Mém. Par. 1710. 2) S. Claude Rabuel, Commentaires sur la géométrie de M. Descartes (Lyon 1730). Jac. Bernouilli, Notae et animadversiones in Geometriam Car- tesii (Frankfurt 1695) = Opera (Genf 1744) II, p. 665. Vgl. J. A. Grunert, Arch. Math. u. Phys. 27 (1856), p. 245. 3) Newton 1. c. S. auch Briot-Bouquet, Géom. anal., 16. Aufl., Paris 1897, p. 29. Seine Erzeugung beruht auf dem Satze: Wenn von zwei kon- gruenten Dreiecken jedes mit seiner Basis durch die Spitze des andern gleitet, so beschreibt der Mittelpunkt der Höhe eines jeden in der Ebene des andern eine Zissoide.