Bewegung und Geschwindigkeit. Temperatur 93 wegung hinsichtlich optischer und elektromagnetischer Erschei- nungen scheint ebenfalls in dem Sinne eine Erledigung finden zu sollen, daß Bewegung von Materie relativ zu dem Träger der Lichtwellen nachweisbar ist, wie Versuche von Sagnac¹ ergeben haben. Augenscheinlich ist der bekannte Spiegelversuch von Michelson nicht geeignet, um die Bewegung von Materie rela- tiv zum Träger der Lichtwellen zu zeigen, er erklärt sich vermut- lich durch Mitnahme dieses Trägers mit der Erde. § 16. Temperatur. Der Begriff der Temperatur zeigt mit besonderer Deutlichkeit, wie ein physikalischer Begriff entsteht, und wie er als echter, em- pirischer Begriff eine näherungsweise Exaktheit und einen be- grenzten Anwendungsbezirk hat. Bei Raum, Zeit und Bewegung im physikalischen Sinne sind die Verknüpfungen mit philosophi- schen Spekulationen vorangegangener Jahrtausende so rege, daß eine Lostrennung des physikalischen Begriffes gerade dem Gebildeten Schwierigkeiten macht. Bei der Temperatur sind wir frei von allem a priorischen Beiwerk, hier haben wir es mit einem unbestritten empirischen Gegenstand zu tun, hier ist die idealisierte Skala der Temperaturen in unzweifelhafter Weise auf der Grundlage der Sinnesempfindung abstrahiert und konstruiert, und so konnte man etwas über Zeit und Raum aus der Untersuchung des Begriffes Temperatur lernen. Daß die Temperatur aus der direkten Wahrnehmung entnom- men ist, daß Temperatur,,empfunden" wird, dürfte ohne nähere Erläuterung klar sein; jedermann kennt z. B. die Unerträglich- keit extremer Temperaturen aus seinen alltäglichen Lebenserfah- rungen. Wir haben demnach einen populären physiologischen Tem- peraturbegriff und eine Skala von Temperatur marken, deren qualitativer Charakter feststeht, also etwa wie Mach ausgeführt hat:,,Erstarrungspunkt des Quecksilbers, Schmelzpunkt des Eises, Erstarrungspunkt des Leinöls, des Anisöls, Schmelzpunkt 1 Sagnac, Journal de physique 4, 177, 1914. 2 Mach, Principien der Wärmelehre, 1896, S. 44. Gehrcke, Physik und Erkenntnistheorie 7