84 B. Besonderes einheit im physikalischen Raum imstande ist, der Natur eine Relativität ihres Raumes aufzuzwingen, so wenig ist die Freiheit der Wahl der Zeiteinheit imstande, der physikalischen Zeit des Naturgeschehens eine Relativität aufzuzwingen. Der Relativi- tät des euklidischen Raumes unserer Raumanschauung und der Relativität der Zeit unserer Zeitanschauung steht also die Tat- sache gegenüber, daß das Naturgeschehen in räumlicher und zeit- licher Hinsicht ein absolutes ist, oder: daß der physikalische Raum und die physikalische Zeit nicht relativ, sondern absolut sind. Es möge hier noch ein Wort über die Rolle, welche die Zeit in den Relativitätstheorien spielt, gesagt sein. Hier werden die Zeit- angaben auf zwei relativ zueinander bewegten Systemen ver- schieden angenommen. Diese Voraussetzung ist zunächst nichts anderes, als daß verschiedene Zeitziffernskalen angenommen werden, deren jede durch einen Bewegungszustand bestimmt ist; es wäre also, in bildlicher Übertragung auf die Temperatur, etwa so, als ob auf zwei relativ zueinander bewegten Systemen nach verschiedenen Temperaturskalen gemessen würde, auf dem einen z. B. nach Celsiusgraden, auf dem anderen nach Réaumur. Nun kommt aber etwas Wesentliches hinzu, und hierdurch stürzt die ganze Relativitätstheorie in das Chaos: es werden die Mes- sungen auf beiden Systemen „relativiert“, d. h. die Messungen erscheinen, vom einen System aus beurteilt, in einer anderen Skala als vom anderen System aus beurteilt und es gilt für das andere System vice versa das gleiche. Damit wird entweder ein lo- gischer Widerspruch in Kauf genommen oder zugleich mit einer all- gemeinen Zeitskala auch eine einzige Wirklichkeit aufgegeben; es löst sich im letzteren Falle die Natur in unendlich viele Naturen auf, wie es unendlich viele Systeme gibt, von denen aus die Natur beurteilt werden kann. Dieser erkenntnistheoretische Standpunkt des physikalischen Solipsismus muß eingenommen werden, wenn man die logischen Widersprüche vermeiden will.¹ 1 Vgl. E.Gehrcke, Kantstudien 19, S. 481, 1914. In letzter Zeit hat die Stellung- nahme auch gegen die erkenntnistheoretische Seite der Relativitätstheorie erheb- lich an Umfang zugenommen; vgl. Ripke-Kühn: Kant contra Einstein, Verlag