82 B. Besonderes denkt, wie dies Newton getan hat (vgl. oben). Die Newton- sche absolute Zeit hat Mach eingehend kritisiert, aber schon Kant hat, wie Natorp¹ hervorhebt, bemerkt, daß,,absolute Zeit" (und,,absoluter Raum"),,bloße Gedankendinge" seien und ,,keine Wahrnehmungsgegenstände". Es ist andererseits jedoch zu beachten, daß es Newton und jedermann durchaus freisteht, sich eine absolute Zeit zu denken im Sinne einer mathematisch idealen Zeitskala, die die Eigenschaft hat, die einfachste unter allen denkbaren zu sein, also eine Zeitziffernskala, die die Gesamt- heit aller Naturgesetze auf die einfachste Form bringt. Warum soll ich nicht annehmen dürfen, daß eine unter den unendlichen Möglichkeiten von willkürlichen Zeitziffernskalen die Eigenschaft hat, die einfachste Form der Naturgesetze zu ergeben, obwohl ich nicht in der Lage bin, einen Naturvorgang aufzuzeigen, der diesem meinem Ideal genau entspricht. So verstanden, wird man Newtons,, absolute, wahre und mathematische Zeit", die,,ohne Beziehung auf irgendeinen äußeren Gegenstand“ verfließt, mit Verständnis gelten lassen; diese Idee Newtons ist zwar eine schwer verständliche in ihrer kurzen Formulierung, aber augen- scheinlich widerspruchslos und einwandfrei, Newtons mathe- matische Zeit dürfte durch denselben logischen Prozeß des Idealisierens entstanden sein, wie das Ideal des Punktes aus dem eines kleinen Körpers (vgl. S. 58ff.), und man darf nicht über- sehen, daß mit der ,,absoluten, wahren und mathematischen Zeit" der Mathematiker Newton zu uns spricht, und nicht der Physiker, der die,,relative, scheinbare und gewöhnliche" Zeit definiert, und diese letztere ausdrücklich von der ersteren trennt. Ebenso wie wir zur Konstruktion der physikalischen Erschei- nungen uns Raumkoordinaten x, y, z konstruieren, so konstruie- ren wir uns eine Zeitkoordinate t. Ebenso wie wir auf den Koor- dinatenachsen Maßzahlen x, y, z so anbringen, daß sie in möglichst einfacher Weise uns die Naturerscheinungen beschreiben (durch die Festsetzung, daß bei Bewegung des Meterstabes längs einer körperlich gedachten Achse die Zahlen x an den Stellen stehen, wo 1 Natorp, Die logischen Grundlagen der exakten Wissenschaft, S. 328 ff.