78 B. Besonderes lichkeit für die Wissenschaft, mit der wir uns als mit einer Tat- sache abzufinden haben. Nun liegt in aller Zeitmessung eine große Schwierigkeit, auch wenn wir von allen Unvollkommenheiten ihrer technischen Ausführung absehen und allein die ideelle Zeitmessung, den Vergleich zweier vorgestellter Zeiten, ins Auge fassen. Beim Raum kann das Messen einer Strecke sehr leicht auf etwas Reales, einen körperlichen Maßstab, zurückge- führt werden, und wir können mit Leichtigkeit das Abtragen des Maßstabes an der zu messenden Länge und die Anzahl dieser Ope- rationen als Längenmessung definieren. Was soll aber bei der Zeit z. B. die gleiche Länge zweier Zeitdauern bedeuten? Wie soll ich zwei Zeitdauern, etwa eine Stunde von gestern und eine Stunde von heute, sei es empirisch, sei es ideell, miteinander ver- gleichen, wo doch die gestrige Stunde schon längst nicht mehr ist und die heutige Stunde mir beständig zerrinnt? Wenn wir, wie üblich, einen Bewegungsvorgang, sei dies eine Uhr oder die Rotation der Erde, zu Hilfe nehmen, so geraten wir leicht in einen Zirkel: entweder wir nehmen an, diese Bewegun- gen seien gleichförmig, d. h. von konstanter Geschwindig- keit, dann setzt die gleichförmige Geschwindigkeit schon ein Zeit- maß voraus; oder aber wir nehmen diesen Vorgang als Grundlage für die Zeitmessung, warum stellen wir dann jedoch unsere Uhren öfter,,richtig" und fragen nach der,,Konstanz" der Erdrotation? Man möchte angesichts dieser Zirkel fast empfehlen, das Mes- sen von Zeiten aufzugeben und auf das primitivere Verfahren der Erkennungsmarken zurückzugehen, das wir beim Raume und der Temperatur schon erwähnten (S. 67). Tatsächlich benutzen wir bei der Beschreibung historischer Begebenheiten oft Zeit marken anstatt der Zeitzahlen, und sprechen von der Zeit des Perikles, der Zeit Alexanders des Großen, der Renaissancezeit usw., ohne immer an die zugehörigen Jahreszahlen vor und nach Christi Geburt zu denken. Aber dieses Verfahren, eine Zeitskala zu bil- den, ist trotz seiner Vorzüge nicht ausreichend und die Vorteile der Ziffernskala sind auch bei den Zeiten so groß, daß wir auf sie nicht verzichten können.