74 B. Besonderes Merkmale vereinfacht, aber erschwert auch in anderer Hinsicht die Erörterung des Zeitproblems. Die verschiedenen physiolo- gischen Zeiten können wir also, da Unterschiede fehlen, als phy. siologische Zeit schlechthin, oder als Zeitanschauung zusammen- fassen, und wir folgen so Aristoteles, der die Zeit als Abstrak- tion von den Sinnendingen erklärte. Die physiologische Zeit, die wir aus einer Wahrnehmungskette, aus einer Vorstellung oder aus Erinnerungen an Wahrgenomme- nes entnehmen und welche Kant als ,,innere Anschauungsform" bezeichnete, hat einen Anfang und ein Ende und eine gewisse Dauer (vgl. auch § 10). Eine Wahrnehmung oder Erinnerung, bei der Anfang und Ende zusammenfielen, kann nicht aufgezeigt werden. Wie im Raume der Geometrie das Element der Vor- stellung nicht ein Punkt, sondern ein kleiner Raum ist, so ist auch in der Zeit vorstellung das Element nicht der Zeitpunkt, sondern eine kurze Zeitstrecke. Der Zeitpunkt ist eine weder wahrnehmbare, noch vorstellbare, rein logische Setzung, eine aufs äußerste getriebene Interpolation des anschaulichen Zeitflusses. G Wir gelangen von der physiologischen, anschaulichen Zeit zu einem durch Interpolation und Extrapolation derselben erweiter- ten Begriff einer Zeit. Dieser Zeitbegriff ist nicht mehr anschau- lich, er ist bis zur denkbaren Grenze, bis ∞ und +∞ ausge- dehnt, und ein bis ins unendlich Kleine (als Kontinuum) konstruier- tes Schema. Ebenso wie wir (S.58ff.) beim Raume von endlichen phy- siologischen Räumen durch logische Erweiterung zum Begriff des unendlichen Raumes gelangten, so schreiten wir also von der phy- siologischen Zeit, die wir aus einzelnen Empfindungs- und Vorstel- lungsinhalten entnehmen, zur Konstruktion einer zeitlichen Kette von geordneten Empfindungs- und Vorstellungsinhalten fort. Die- ses Ordnungsschema Zeit ist, im Einklang mit Kant, eine Kon- struktion der Erkenntnis, und gerade so wie beim Raum (vgl. S. 59) ist hier klar, daß das ideale Gerüst der Zeit, an welches wir unsere Vorstellungen und Erinnerungsbilder von irgendwelchen Wahrnehmungen heften, unabhängig von der einzelnen Wahr- nehmung, also in diesem Sinne a priori, von uns gesetzt wird.