Zeit 71 - Qualitäten abgesondert. Aber wir haben auch charakteristische Unterschiede: der Raum ist mehrdimensional, die Zeit hat nur eine Dimension; während der Raum nur gewisse unserer Er- lebnisse, nämlich die sogenannte Außenwelt umspannt, fügen sich alle unsere Erlebnisse, Außen- und Innenwelt (z. B. die Erschei- nungen des Vorstellens, Wollens usw.) in die Zeit ein; im Raume herrscht Freiheit insofern, als es innerhalb weiter Grenzen meiner Willkür überlassen ist, in welchen Raumteilen ich den Naturab- lauf erleben will ganz im Gegensatz zur Zeit, wo völlige Ge- bundenheit an die ganz bestimmte Spanne aus der großen Skala des Zeitgeschehens, in der das einzelne Leben abläuft, vorliegt. Endlich sei erwähnt, daß auf einer Linie im Raume beide Rich- tungen einander gleichwertig sind, die beiden Zeitrichtungen aber sind nicht einander gleichwertig, was man z. B. daran erkennt, daß ein umgekehrt ablaufender kinematographischer Film als wesentlich anderes Erlebnis empfunden wird als der in natür- licher Folge ablaufende Film; auch wird ein von hinten nach vorn gespieltes Musikstück durchaus nicht als ,,Spiegelbild" des richtig gespielten Musikstücks empfunden, sondern als etwas ganz neues. Man kann diese Eigentümlichkeit kurz auch so charakte- risieren: der Raumpunkt ist ein Skalar, der Zeitpunkt ein Vektor (vgl. S. 101). Alles dies macht deutlich, daß niemals eine Äqui- valenz von Raum und Zeit zugegeben werden kann. Vergegenwärtigen wir uns zunächst einige Äußerungen be- deutender Denker über die Zeit. Nach Aristoteles¹ soll die Zeit (wie der Raum vgl. § 13) eine Abstraktion von den Dingen, und zwar den Sinnendingen sein. Dementsprechend äußerte sich Newton dahin, daß die Zeit,,für gewöhnlich“ als in bezug auf die Sinne aufgefaßt werde, Newton selbst stellte aber die Fun- damentalsätze auf²:,,Die absolute, wahre und mathemati- sche Zeit verfließt an sich und vermöge ihrer Natur gleichförmig 1 Vgl. z. B. Natorp, Die logischen Grundlagen der exakten Wissenschaft, Teubner, Leipzig 1910, S. 267. 2 Vgl. Mach, Die Mechanik in ihrer Entwicklung historisch-kritisch dar- gestellt, Brockhaus, Leipzig.