Konditionale und kausale Naturbeschreibung 47 lich bezeichnend für die Naturwissenschaft, die konditionale Theorie dagegen ist bezeichnend für die mathematische Technik im Sinne einer logischen Kunst. Es wird oft behauptet, der wissenschaftliche Fortschritt be- stünde darin, unsere Einsicht in den kausalen Zusammenhang der Naturereignisse zu vervollkommnen, also uns immer genauer die raumzeitliche Folge der Naturerscheinungen kennen zu lehren. Das ist zutreffend, soweit es sich um die physikalische Durch- dringung und Beschreibung handelt. Es ist aber nicht zutref- fend hinsichtlich der auf möglichst denkökonomische, kurze und doch vollständige Beschreibung jeder wissenswerten Einzelheit gerichteten, mathematischen Durchdringung. Die mathe- matische Behandlung einer Naturerscheinung macht dieselbe zu einem Problem, das gewissen formalen Bedingungen genügen muß, ohne jede Rücksicht auf einen kausalen Zusammenhang. Die vervollkommnete mathematische Physik drängt also von der kausalen Betrachtungsweise ab zu einer allgemeinen konditio- nalen, die für die Errechnung von quantitativen Resultaten meistens praktischer, weil denkökonomischer ist als die kausale, auf den Zusammenhang in aufeinanderfolgenden Zeitmomenten gerichtete Betrachtungsweise. Wenn z. B. Maxwell die Ge setze der Gasmoleküle durch Wahrscheinlichkeitserörterungen zu finden sucht, so ist eine solche Methode weit davon entfernt, uns den Einblick in den Kausalzusammenhang der Stöße usw., der ungeheuer verwickelt ist, zu gestatten. Statt dessen begnügt sich Maxwell mit der Aufstellung von allgemeinen Bedingungen, denen die Moleküle unterworfen sind, und er schließt dann rein konditional aus diesen Bedingungen der Gleichberechtigung aller Fortpflanzungsrichtungen, der Gleichberechtigung aller Ge- schwindigkeiten usw. auf die wahrscheinlichste aller mög- lichen Verteilungen, und damit auf die wirklichen Eigenschaften des Gases. Hierbei fehlt dem Physiker der Einblick in den kau. salen Zusammenhang, der ihn erst befriedigt; dem Mathematiker aber genügt die konditionale Betrachtung, die elegant und denk- ökonomisch zu bestimmten, greifbaren Folgerungen führt. -