Kontinuum, Diskretum 41 ― Stößen, erfolgt. In diesem Fall würde also das Gravitationsgesetz verfeinert werden können, und was uns heute als ein Elementar- vorgang erscheint, würde sich als ein Mittelwert aus vielen, dis- kreten Elementarvorgängen ganz anderer Art herausstellen. Es erledigt sich auch grundsätzlich die Frage, ob die empirische Ma- terie atomistisch oder kontinuierlich aufgebaut ist. Heute glaubt jeder Physiker und Chemiker mit gutem Recht, daß die Materie aus Atomen besteht, ebenso wie er glaubt, daß ein Haus aus lauter einzelnen Teilen, Ziegelsteinen usw. zusammengefügt ist. Das schließt aber nicht aus, daß der Bereich jedes einzelnen Atoms sehr groß ist und sich durch das ganze Sonnensystem erstreckt, wie Faraday¹ meinte; unter diesen Umständen wird man also dabei stehen bleiben müssen, daß die uns verschwommen ge- gebene Materie auch nur mit verschwommenen, physikali- schen Begriffen beschrieben werden kann. Die Begriffe des ma- thematischen Kontinuums und des mathematisch Diskreten sind Selbsterzeugnisse des Denkens, die darum scharf sind, weil unser Denken scharf arbeitet. Ob irgendein physikalischer Vorgang mit Hilfe des Konti- nuums oder mit Hilfe einzelner, diskreter Elemente beschrieben wird, ist vor allem eine Frage der Zweckmäßigkeit oder, mit Mach zu reden, der Ökonomie. Ein weiteres Beispiel hierfür mag noch an Hand eines empirischen Gegenstandes gegeben werden, der kein physikalischer ist, aber prinzipiell wie ein solcher behandelt werden kann. G. F. Knapp² fragt in seiner Schrift,,Über die Ermittlung der Sterblichkeit. Aus den Aufzeichnungen der Be- völkerungsstatistik":,, Ist die Menge der geschehenen Geburten eine stetige Funktion der Zeit? Offenbar ist sie keine stetige Funktion der Zeit, wenn man so genau als möglich den Vorgang auffaßt. Denn wenn z. B. eine Bevölkerung nicht sehr groß wäre, so daß etwa jährlich nur gegen 3000 Geburten vorfallen ungefähr 10 an jedem Tage, so kann man die Zeit um ganz be- 1 Faraday, Experimentaluntersuchungen über Elektrizität, 2. Bd. 1890, S. 263. Leipzig 1868, S. 11 ff.