38 A. Allgemeines Mathematik, Harmonie, Vollkommenheit, Natur hingewiesen; so läßt z. B. Schiller (Die Räuber 4. Akt) seinen Karl Moor sagen: ,,Es ist doch eine so göttliche Harmonie in der seelenlosen Na- tur." Die prästabilierte Harmonie zwischen Mathematik und Physik wird in neuerer Zeit weniger für einfache als für komplizierte mathematische Funktionen in Anspruch genommen; so spricht z. B. Hilbert¹ von einer,, gewissen prästabilierten Harmonie zwi- schen der physikalischen Wirklichkeit und den höchsten Proble- men der mathematischen Analysis"; und Mie sagt:,,Der Äther ist die einzige Idealsubstanz, die einfache Gesetze absolut ge- nau befolgt.“ Wesentlich an all diesen Äußerungen ist die Auf- fassung, daß zwischen irgendeinem Naturgesetz und irgendeiner mathematischen Formel überhaupt eine genaue Übereinstim- mung herrschen kann, daß, kurz gesagt, eine scharfe Überein- stimmung zwischen wirklicher Natur und Naturerkenntnis mög- lich sei. Es ist zweifellos, daß der Gedanke der prästabilierten Harmonie, so mystisch er dem Naturforscher erscheinen mag, einen gewissen heuristischen und Nützlichkeitswert gehabt hat: er gab sicher manchem einen starken Anreiz zur Berechnung von Naturerschei- nungen und setzte die Arbeitslust und den Eifer in Bewegung, die ,,richtige" Formel zu finden. Solche Werte soll man nicht unter- schätzen. Abgesehen von dem Gesichtspunkt der Nützlichkeit liegt aber wohl in der obigen Auffassung der prästabilierten Har- monie ein prinzipieller Irrtum, und es ist ihr entgegenzuhalten: 1. Die physikalischen Begriffe knüpfen an Wahrnehmungs- tatsachen an, sie sind also mit der Unsicherheit alles Empirischen behaftet. 2. Die physikalischen Begriffe sind zwar über den Bereich des sinnlich Wahrnehmbaren extrapoliert, es erscheinen aber jenseits der Grenzen des Wahrnehmbaren neue, physikalische Grenzen, bei denen die physikalischen Begriffe ihren Sinn verlieren. 1 Hilbert, Phys. Zeitschr. 12, S. 1064, 1912. Mie, Lehrb. d. Elektr. u. d. Magn., 1910, S. 89.