36 A. Allgemeines jede idealisiert sie, hebt Gemeinsames hervor und sieht von Ver- schiedenem ab." Weniger weit ging Loschmidt¹, der der An- sicht war, daß zwar nicht alle, aber doch fast (1) alle Naturgesetze nur näherungsweise Gültigkeit besitzen; so sagt er z. B.: es,,sind die Ergebnisse der analytischen Bearbeitung idealer Gase für die Erkenntnis der Natur der wirklichen Gase von unschätzbarem Werte. Haben ihre Aussagen in dieser Beziehung auch nur eine angenäherte Gültigkeit, so ist doch nicht zu vergessen, daß das- selbe fast von allen physikalischen Gesetzen gilt, und der Fort- schritt der Wissenschaft würde sehr geschädigt werden, wenn die Physiker sich mit der Rigorosität der reinen Mathematik gegen solche approximativen Resultate ablehnend verhalten wollten." Im Gegensatz zu der Auffassung über die näherungsweise Gültigkeit der Naturgesetze befindet sich die Ansicht, daß eine ,,prästabilierte Harmonie" zwischen Mathematik und Physik be- steht. Eine solche Ansicht, die auch von Philosophen (Pythago- ras, Plato) und Dichtern geäußert wurde, spielt in der Geschichte des menschlichen Geistes eine hervorragende Rolle. Auch von bedeutenderen Forschern der Neuzeit, hauptsächlich solchen mit überwiegend mathematischen Neigungen wird sie häufig geteilt. Sie findet ihre Nahrung auf dem Gebiete der reinen Mathematik und dürfte jedenfalls auf spekulativer, nicht auf experimenteller Grundlage erwachsen sein. Schon Descartes hat in der Mathematik ein,,Wissenschafts- ideal" erblickt und auch die Idee einer inneren Harmonie zwischen Mathematik und Physik gehegt. Diese Idee, daß die Mathematik das Vorbild und Ideal für jede andere Wissenschaft darstelle, daß die anderen Wissenschaften gut daran tun, sich möglichst der Mathematik anzupassen, hat sich sehr verbreitet, sie spielt auch in der Geschichte der Philosophie eine große Rolle. Wir finden sie bei Kant und in der Neuzeit wieder; Ostwald geht so weit, zu behaupten, daß die Philosophie deshalb keine Erfolge habe, weil ihr eine der mathematischen ähnliche Zeichensprache fehle 1 Loschmidt, Wiener Sitzungsberichte 2. Abt. 76, S. 212, 1878. Ostwald, Grundriß der Naturphilosophie, Reclam, S. 110.