Naturgesetze. Harmonie 35 Äpfel auf dem Tische liegen. Wir werden alle Aussagen über die Zahl empirischer Gegenstände und alle Naturgesetze ledig- lich als Näherungsausdrücke zwischen Maßzahlen von näherungsweise definierbaren Größen anzunehmen haben. Die physikalischen Gesetze sagen uns also nicht, wie die Natur beschaffen ist, aber sie sagen uns, wie die Natur unge- fähr beschaffen ist. Die Natur kann näherungsweise erkannt werden; dieses,,näherungsweise" oder,,ungefähr“ ist das Kenn- zeichen der Verhältnisse zwischen Denken und wirklicher Natur. Z. B. gilt das Boyle-Mariottesche Gesetz ungefähr, das von van der Waals gilt genauer, aber auch nur ungefähr; völlig exakt kann kein Gesetz gelten, weil die Begriffe Volumen und Druck eines Gases selbst keine mathematisch scharfe, sondern nur eine näherungsweise Definition zulassen, und daher auch die Verbindung der Maßzahlen dieser Begriffe, d. h. das,,Naturge- setz" nur näherungsweise definierbaren Sinn haben kann. Hiernach wäre mithin auch das berühmte Gesetz von der Er- haltung der Energie (Energieprinzip) als nur näherungsweise verbürgt aufzufassen. Daraus folgt nun aber keineswegs, daß es möglich ist, eine Energieerzeugungsmaschine (perpetuum mobile) oder eine Energieverzehrungsmaschine,,näherungsweise" zu konstruieren; denn die Unsicherheit, die der Energiegröße in irgendeinem Vorgang anhaftet, liegt im Begriff der Energie; diese Unsicherheit des Begriffs bedingt keinen realen Naturvor- gang. § 9. Die angebliche prästabilierte Harmonie zwischen Mathematik und Physik. Die näherungsweise Bedeutung der Naturgesetze ist heute wohl von den meisten Philosophen, aber durchaus nicht von allen Naturforschern anerkannt; immerhin finden sich auch bei letz- teren dahinzielende Äußerungen in der Literatur. Als Beispiel sei etwa folgender Ausspruch von Boltzmann¹ angeführt: ,,Keine Gleichung stellt irgendwelche Vorgänge absolut genau dar, 1 L. Boltzmann, Populäre Schriften, S. 222 f.