Weltsystem (Fragment). 179 folgt er eine bestimmte Richtung, so wissen wir nicht, warum er eben diese und keine andere Richtung eingeschlagen hat. 3. Falls ein sich selbst überlassener Körper sich bewegt, wissen wir nicht, welche Geschwindigkeit er besitzen muß, und hat er eine bestimmte Geschwindigkeit, so wissen wir nicht, warum er eben diese und keine andere Geschwindigkeit zum Erbteil bekommen hat. Wahrlich, man sollte es kaum glauben, daß in dem positiv stilisierten Trägheitssatz so vielerlei Nichtwissen enthalten ist. Aber zu all diesem Nichtwissen gesellt sich noch obendrein mancher- lei Unsicherheit über den Sinn des ganzen Satzes. Es wird viel- leicht genügen, wenn ich auf eine einzige fundamentale Unsicher- heit hinweise: 4. Niemand vermag es auszumachen, ob das Trägheitsprinzip von wirklichen, in der Natur vorkommenden oder von bloß gedachten Bewegungen handelt, oder ob es sich auf beiderlei Bewegungen bezieht. Dem Scheine nach ist in demselben von wirklich existierenden Bewegungen die Rede, denn ein jeder Kör- per soll, falls er nicht ruht, von einer geradlinig-gleichförmigen Bewegung ergriffen sein, jedoch nur unter der Bedingung, daß keine äußeren Kräfte auf ihn wirken. Da aber im irdischen Milieu diese Voraussetzung niemals erfüllt ist, so können wir auch nie- mals erwarten, daß wir eine geradlinig-gleichförmige Bewegung, von welcher das Trägheitsprinzip spricht, jemals zu Gesicht be- kommen. Unwillkürlich muß man also die Frage aufwerfen, wo in aller Welt die geradlinig-gleichförmige Bewegung jemals verwirklicht worden sei? Eine naheliegende Antwort ist, daß der Laplacesche Urnebel, da äußere Einflüsse auf ihn nicht wirkten, im Sinne des Trägheitsprinzipes entweder ruhen oder eine gerad- linig-gleichförmige Bewegung haben müßte. Nun schreibt aber Laplace seinem Urnebel eine Rotation zu und statuiert dadurch, wie wir oben bemerkten, ein Prinzip der Zirkelträgheit. Ander- seits kann man aber das Newtonsche lineare Trägheitsprinzip auch so deuten, daß es bloß auf gedachte Bewegungen bezogen werden und ein methodisches Verfahren bei der Untersuchung krummliniger und ungleichförmiger Bewegungen darstellen soll. Unser menschlicher Verstand ist nämlich so beschaffen, daß es nicht möglich ist, krumme Linien in anderer Weise einer geo- metrischen Untersuchung zu unterwerfen, als daß wir dieselben aus unendlich klein werdenden geradlinigen Sehnen zusammen- gesetzt denken. Innerhalb solcher Bahndifferentiale (ds) müssen wir die Bewegung als gleichförmig auffassen, weil wir eine ungleich- förmige Bewegung nicht anders aufzufassen vermögen, als daß wir die Geschwindigkeit in jedem Bahnelement zwar als gleich- förmig, aber von Element zu Element als veränderlich denken. 12*