178 Weltsystem (Fragment). Diese Betrachtungen zeigen uns zur Genüge, warum es La- place vermeidet, sich über die Rotation, die er seinem Urnebel zuschreibt, näher zu äußern. Er müßte nämlich dann offen zu- gestehen, daß es in der Natur ursprüngliche Bewegungen gibt, d. h. Bewegungen, die nicht geliehen wurden, also im gegebenen Falle nicht von einem Fremdkörper auf den Urnebel übergingen, sondern diesem als ursprünglicher Besitz anhafteten. Er wäre dann gezwungen gewesen, den Begriff der ursprünglichen Bewegung zu klären und sie seiner Mechanik zugrunde zu legen. Das hätte aber eine Umarbeitung des Newtonschen Systems zur Folge haben müssen: ein Unternehmen, das selbst in unseren Tagen noch als ein schwieriges Wagnis betrachtet werden kann. So war man denn gezwungen, den Begriff der ursprünglichen oder perpetuellen Bewegungen halb und halb totzuschweigen, ob- wohl der erste Satz der Laplace schen Kosmogonie eigentlich nichts anderes als das Vorhandensein einer solchen ursprünglichen Bewegung in höchst anschaulicher Weise ausspricht. Ja auch das erste Bewegungsgesetz Newtons oder das Galileische Trägheits- prinzip ist ja nichts weiter als der verschleierte Ausdruck einer vorhandenen oder wenigstens einer möglichen perpetuellen Be- wegungsform, die als geradlinig und gleichförmig gedacht wird. Wohl noch niemals ist ein mechanisches Gesetz mit solch hoher diplomatischer Kunst in Worte gekleidet worden wie dieses Galilei-Newtonsche Trägheitsprinzip, so daß es geradezu als unerreichbar klassisches Muster für die Verschleierung eines Ge- dankens durch seine sprachliche Darstellung gelten kann. Es lautet in der Newtonschen Fassung:,,Corpus omne perseverare in statu suo quiescendi vel movendi uniformiter in directum, nisi quatenus illud a viribus impressis cogitur statum suum mutare.“ Jeder Körper beharrt in seinem Zustande der Ruhe oder gleich- förmig-geradlinigen Bewegung, solange er nicht durch auf ihn einwirkende (äußere) Kräfte gezwungen wird, seinen Zustand zu ändern. Was man an diesem Satze bewundern muß, ist, daß er eine ganze Reihe von Sätzen, die alle ein Nicht wissen zum In- halt haben, in die Form eines positiven Wissens gießt, dabei aber gerade, was wir bestimmt wissen sollten, in völliger Unbe- stimmtheit verschwimmen läßt. Das Trägheitsprinzip schließt nämlich folgendes Nichtwissen in sich: 1. Wir wissen nicht, ob ein sich selbst überlassener Körper auf den keine Körper wirken, sich in Ruhe oder in Bewegung be- finden muß. Falls er ruht, wissen wir nicht, warum er ruht; falls er sich bewegt, warum er sich bewegt. 2. Falls ein sich selbst überlassener Körper eine Bewegung hat, wissen wir nicht, in welcher Richtung er sich bewegt, und ver-