Weltsystem (Fragment). 169 dieser Wissenschaft (so namentlich Laplace) haben es von jeher als geradezu unerträglich empfunden, daß die zwei himmlischen Bewegungsformen, die Eigenrotation der Weltkörper und der Planetenumlauf um die Sonne, unvermittelt nebeneinander stehen und waren von jeher darauf besonnen, die eine aus der anderen irgendwie hervorgehen zu lassen, weil sie es instinktiv fühlten, daß ohne eine solche Verknüpfung der beiden Bewegungsformen zwar von einer mathematischen, aber nicht von einer rationellen Himmelsmechanik die Rede sein könne. Was man als die,,Kos- mogonie" von Kant und Laplace bezeichnet, ist ja letzten Endes nichts weiter als ein hypothetischer Versuch, die beiden Formen der himmlischen Bewegungen, die Rotation und den Umlauf, in eine gleichsam organische Verbindung miteinander zu bringen und da- durch eine wahrhaft einheitliche, rationelle Himmelsmechanik zu schaffen. Es ist also vom höchsten prinzipiellen Interesse, zu prü- fen, wie weit es dem deutschen Philosophen und dem französischen Mathematiker gelungen ist, den oben gekennzeichneten gefähr- lichen Zwiespalt zwischen Schwungkraft und Schwerkraft bzw. zwischen Rotation und Umlaufsbewegung zu überbrücken. 3. Die Kosmogonie von Kant und Laplace. Man macht sich gewöhnlich sehr unzureichende Vorstellungen über die unermeßliche Tragweite der Kant-Laplaceschen Kosmo- gonie, weil man sich weder über die Methode noch über die eigentliche Absicht dieser Weltentstehungslehre (und ihrer mo- dernen Modifikationen durch Faye, Lockeper, du Ligondes, Sae, Moulton, Chamberlin usw.) klar zu werden sucht. Mit Staunen nimmt man wahr, daß in der mathematisch gearteten Wissenschaft der Himmelsmechanik eine neue Forschungsmethode, die historisch-genetische zur Anwendung gelangt, von der man sonst nur in den biologischen Wissenschaften Gebrauch zu machen pflegt. (Daß die historisch-genetische Methode ganz besonders in den auf die Humanität bezüglichen Geistes- oder Kulturwissen- schaften eine entscheidende Rolle spielt, davon soll hier abgesehen werden, weil wir uns hier nur mit Naturwissenschaft beschäftigen.) Tatsächlich stammt der erste neuzeitliche Versuch einer,,Kos- mogonie" von einem Biologen, dem geistvollen Buffon (1707 bis 1788), der von dem hypothetischen Sturze eines Kometen auf die Sonne ausging und aus der also losgerissenen glühenden Sonnen- materie die Planeten und Trabanten hervorgehen und im Ver- laufe der Zeiten sich abkühlen und dunkel werden ließ. Diese hoch- romantische Kosmogonie machte offenbar einen starken Eindruck auf die Phantasie des sonst so kühlen Laplace, der als das Ober- haupt der extremsten mechanistischen Denkweise in der Natur- wissenschaft zu betrachten ist: einer Denkweise, die noch in den