Weltsystem (Fragment). 167 • abgeleitet werden kann, und daß es nicht Newton, sondern Huygens war, der zum ersten Male ein mathematisches Licht auf die Eigendrehung der Weltkörper und der dabei auftretenden Zentrifugal- oder Schwungkraft zu werfen verstand. Eigen- tümlicherweise wird die Huygenssche Schwungkraft der Welt- körper durch die Newtonsche Schwerkraft so ziemlich in den Schatten gestellt, obwohl es doch auf den ersten Blick zu erkennen ist, daß die Schwungkraft für alle Himmelsräume und für jeden Stern sowie auch für unser Sonnensystem in gleicher Weise gibt, also die einzige kosmisch-mechanische Kraft ist, die wir überhaupt kennen, während die Newtonsche Gravitation sich nur auf unser Sonnensystem bezieht und nur die Umläufe der Pla- neten und Trabanten zu erklären unternimmt, auf den Fixstern- himmel aber nur insoferne ausgedehnt werden kann, als dort etwa ähnliche Umlaufsbewegungen (wie z. B. bei den Doppelsternen) vermutet werden können, wie sie innerhalb unseres Sonnensystems bestehen. Wenn also von einer ,,Himmelsmechanik" die Rede ist, so sollte doch neben dem glorreichen Namen Newtons auch stets derjenige von Huygens genannt werden, und dies um so mehr, weil die Newtonsche Mechanik für sich betrachtet nur einen plane- tären Charakter hat, und sie erst durch die Verbindung mit der Huygensschen Schwungkraft einen allgemein kosmischen Cha- rakter gewinnt. Wie kommt es trotzdem, daß man niemals aus- drücklich von der Newton-Huygensschen Himmelsmechanik sprechen hört? Man könnte dieser überaus interessanten Frage eine eigene historisch-kritische Arbeit widmen, in der die epochale Bedeutung der Huygensschen Mechanik und Optik dargelegt und das Verhältnis des großen Mannes zu Newton scharf gekenn- zeichnet, ganz besonders aber untersucht werden müßte, in welchem Sinne er die Descartessche Denkrichtung in der Entwicklung der neuzeitlichen Physik repräsentiert. Leider müssen wir es uns versagen, auf dieses ebenso an- ziehende wie lehrreiche Thema im gegenwärtigen Augenblick ein- zugehen. Wir sehen, daß der eigentliche Wettstreit zwischen den bei- den Hauptsätzen des kopernikanischen Weltsystems sich in die Himmelsmechanik hinein fortpflanzt und hier als Wettstreit zwi- schen Schwungkraft und Schwerkraft, ja auch als Rivalität zwi- schen zwei führenden Forschern der neueren Physik zum Vor- schein kommt. Nun brauchen wir es wohl nicht zu betonen, daß es uns im Grunde genommen nicht an der Rivalität der beiden großen Parteien in der Geschichte der Mechanik und Optik gelegen ist, denn wir sehen gar nicht ein, warum wir uns für die Eigen- drehung der Gestirne mehr erwärmen sollten als für die Umlaufs- bewegungen der Planeten und Trabanten, oder daß wir umgekehrt