164 Weltsystem (Fragment). der neuzeitlichen Astronomie die Rede ist, so sollten die Namen. von Kopernikus und Kepler zusammen genannt werden, denn sie ergänzen einander in solcher Weise, als ob sie nur einen Geist ausmachen würden. Sie repräsentieren zusammen jenes Zeitalter der Hochrenaissance der Astronomie, das von einer unvergleich- lichen Leidenschaft für den Sternenhimmel ergriffen erscheint und sich vom 16. bis in das 17. Jahrhundert hinüber erstreckt. Auch in den Werken der unsterblichen Maler dieses Zeitalters fühlt man die Sehnsucht nach den Sternen erzittern. Es ist ein Kennzeichen des Kopernikus-Keplerschen Den- kens, daß in ihm das kosmische Prinzip noch nicht durch das pla- netäre verdrängt und verdunkelt wird. Denn obwohl Keplers Forschung, wie schon gesagt, vornehmlich auf Ausbildung des planetären Prinzips gerichtet ist, so daß er durch die nach ihm benannten drei Gesetze des Planetenumlaufes zum eigentlichen Begründer der neueren exakten Astronomie wird, bleibt doch der poetisch-kühne Flug seiner Phantasie auf das Ganze des Kosmos gerichtet. Erst später im 17. und 18. Jahrhundert, wo die Me- chanik die führende Rolle in der Entwicklung der Astronomie übernimmt, kommt es zu einem mächtigen Riß zwischen dem kos- mischen und planetären Prinzip, der sich in dem Gegensatz vom Descartesschen und Newtonschen Weltsystem auftut. Der Kampf dieser gewaltigen Gegensätze wogt noch immer unent- schieden bis in unsere Tage hinein, auch ist er seiner wahren Be- deutung nach noch immer nicht gewürdigt. Wir werden ihn im Verlaufe unserer Untersuchungen Schritt für Schritt kritisch auf- zuhellen suchen, weil ohne eine solche Klärungsarbeit ein Fort- schritt in den Grundfragen der Naturphilosophie nicht möglich ist. Zunächst sei nur so viel bemerkt, daß das Weltsystem des Descartes, seine sogenannte Wirbeltheorie, das Hauptgewicht nicht auf das planetäre Prinzip des Umlaufs, sondern auf das kos- mische Prinzip der Eigenrotation legt. Demnach soll die Sonne durch ihre Achsendrehung der Mittelpunkt einer Wirbelbewegung sein, eines Strudels, der die Planeten zu ihrem Umlauf um die Sonne zwingt. Weiterhin soll auch ein Planet durch seine Eigen- rotation der Mittelpunkt eines kleineren Wirbels repräsentieren, der seine Trabanten mit sich reißt und zum Umlauf um den Pla- neten zwingt. Das für uns Wesentliche in der Denkweise des Des- cartes ist, daß ihm die Eigenrotation der Weltkörper die Haupt- sache, der Planeten- und Trabantenumlauf hingegen so ziemlich eine Nebensache ist; es ist, als ob er sagen wollte: wenn es nur Weltkörper mit Eigenrotation gibt, dann kann es auch nicht aus- bleiben, daß sie Ätherwirbel erzeugen, diese Wirbel aber verur- sachen die Umlaufbewegungen der Planeten und Trabanten. Der eigentliche Sinn der Wirbeltheorie besteht also darin,