162 Weltsystem (Fragment). Untersuchungen davon überzeugen, daß hinter dieser scheinbar oberflächlichen Wortspielerei ein radikaler Unterschied der astro- nomischen Grundauffassungen verborgen liegt: ein Unterschied oder Gegensatz, der historisch in dem gewaltigen Kampfe zwischen dem Descartesschen und Newtonschen Weltsystem zum Aus- bruch kam, und der bekanntlich mit dem Siege Newtons zu enden scheint, aber eigentlich bis auf den heutigen Tag noch fortdauert und zu einem neuen Weltsysteme drängt, das dem Descartes- schen System gleiche Ehren wie dem Newtonschen zuerkennt, aber gleichzeitig auch beide zu überwinden sucht, um für eine neue und höhere Auffassung des Kosmos Raum zu gewinnen. Es ist eine interessante historische Frage, wie Kopernikus selbst sich zum Problem der Rangordnung seiner beiden Haupt- sätze a und b stellt; doch wollen wir diese Frage nur streifen, weil wir uns auf breite Historismen nicht einlassen können. Vor etwa vier Jahrzehnten wurde eine kleine verschollene Schrift des Ko- pernikus, der ,,Commentariolus" aufgefunden, die er als Vor- läuferin seines großen Werkes für befreundete Gelehrtenkreise niederschrieb, und die mit Weglassung alles gelehrten Beiwerkes die Darstellung der Grundprinzipien seines Weltsystems in sich faßt. In der Einleitung dieser wertvollen kleinen Schrift sind die fundamentalen Postulate, die sieben,,Petitiones" aufgestellt, die dem kopernikanischen System zugrunde liegen. Die wichtigsten dieser sieben Sätze sind das dritte und fünfte Postulat:,,Tertia petitio. Omnes orbes ambire Solem, tanquam in medio omnium existentem, ideoque circa Solem esse centrum mundi." (Alle Pla- neten umkreisen die Sonne, die im Mittelpunkte aller Bahnen steht, so daß die Sonne als Weltmittelpunkt zu betrachten ist.) 99 Quinta petitio. Quicquid ex motu apparet in firmamento, non esse parte ipsius, sed terrae. Terra agitur cum proximus elementis motu dierno tota convertitur in polis suis invariabilibus firma- mento immobili permanente ac ultimo caelo." (Was wir von Be- wegungen am Himmel sehen, rührt nicht von einer Bewegung des Himmels her, sondern ist eine Folge der Bewegung der Erde. Die Erde nämlich mit ihrer nächsten Umgebung dreht sich einmal täglich um sich selbst ganz herum zwischen ihren unveränder- lichen Polen, während das Firmament und die letzten Himmels- räume völlig unbewegt bleiben.) Man sieht also, daß Kopernikus selbst, wenigstens im Commentariolus, den Satz vom Umlauf der Erde um die Sonne vorausstellt und den Satz von der Eigen- rotation der Erde erst später nachfolgen läßt. Aber schon der gelehrte Biograph des Kopernikus, L. Prowe, macht hierzu die folgende charakteristische Anmerkung:,,Daß die tägliche Rotation der Erde um ihre Achse im Hauptwerke an erster Stelle genannt