Weltsystem (Fragment). 157 während die Erde im Mittelpunkte dieses alltäglich sich genau wiederholenden kosmischen Schauspiels ruht. In dieser funda- mentalsten Himmelsbeobachtung des Menschengeschlechtes kommt nicht nur der zentrierte (geozentrische) Charakter seiner Sinnes- wahrnehmung zum höchsten Ausdruck, sondern aus ihr schöpft auch der naive Menschenverstand den stärksten Anstoß zum Glau- ben an ein,,Weltsystem", d. h. an eine ewige, unwandelbare Welt- ordnung. Man bedenke doch, daß alle Sterne des Himmels ohne Ausnahme sich so verhalten, als ob sie bloß einen Körper aus- machen würden, denn alle ihre Myriaden Kreisbewegungen fassen sich zu einer einzigen gleichförmigen Rotation zusammen: zur Ro- tation der ganzen Himmelsdecke um die Erde. Wenn ein solcher allumfassender Anblick von einziger rhythmischer Regelmäßig- keit keine Anregung geben würde, an ein Weltsystem zu denken, dann käme der menschliche Geist überhaupt niemals zur Kon- zeption dieses Begriffes! Nun ist es aber männiglich bekannt, daß diese Rotation des Himmels um die Erde nur als ein durch die geozentrische Natur unserer Sinneswahrnehmung verursachter Schein aufgefaßt wer- den kann. Schon Platon mag dies erkannt haben, jedenfalls hat aber schon Aristarchos,,,der Physiker" aus Samos (um 250 v. Chr.), jenen Schein durchschaut und das heliozentrische Welt- system gelehrt, wonach Himmel und Sonne ruhen, die Erde aber um ihre eigene Achse rotiert und einen Umlauf um die Sonne voll- zieht. Woran es lag, daß diese tiefere Einsicht im Altertum noch nicht durchzudringen vermochte und eine vorübergehende Episode in der geschichtlichen Entwicklung der griechischen Philosophie und Astronomie bildete, das auseinanderzusetzen, wäre eine ebenso weitläufige wie schwierige historisch-kritische Aufgabe. Es genügt zu wissen, daß der griechische Geist trotz des erwähnten genialen Vorstoßes noch nicht in der Lage war, das heliozentrische System zum Siege zu führen, und daß die Antike erst untergehen und nach mehr als anderthalb Jahrtausenden in wunderbarer Weise wieder aufleben mußte, damit das heliozentrische Weltsystem im Geiste des Kopernikus seine siegreiche Wiedererstehung feiern könne. Der erste Eindruck, den das kopernikanische System auf den philosophischen Forschergeist machen muß, ist eine ungeheure Ernüchterung. Jene fundamentalste Sinneserfahrung des Men- schengeschlechtes, wonach der ganze Himmel sich mit unvergleich- licher Regelmäßigkeit alltäglich um die Erde dreht, scheint völlig entwertet zu sein, jenes gemeinschaftliche Kreisen aller Sterne um eine feste Himmelsachse, die dem naiven Beobachter ein all- umfassendes Weltsystem von himmlischen Bewegungen vorgau- kelte, scheint vernichtet zu sein. Denn Kopernikus ersetzt diese allumfassende gemeinschaftliche Kreisbewegung der Sternen-