156 Weltsystem (Fragment). dargelegtes Prinzip von der Beschränktheit und Zentriertheit der menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit stehen: aber leider sind wir noch himmelweit davon entfernt, eine solche ernste Erkenntnis- und Wahrnehmungstheorie zu besitzen, weil sie die innigste Vereini- gung von naturwissenschaftlicher und philosophischer Forschung zur Voraussetzung hätte. Hier genügt es, darauf hinzuweisen, daß ein jeder von uns ein natürliches Koordinatensystem in seinem eigenen Leibe und in seinem eigenen Bewußtsein mit sich trägt, dessen drei Achsen die Rückgratachse (Z-Achse), die Rechts- Linksachse (Y-Achse) und die Vorn-Hintenachse (X-Achse) bilden. Das Descartes sche Koordinatensystem, das wir in der analy- tischen Geometrie und Mechanik gebrauchen, ist nur ein abstraktes Bild des in unserem eigenen Leibe gedachten Koordinatensystems. Und was man die man die,,Transformation des Koordinatensystems" nennt, ist nur ein geometrisches Bild für die fortschreitenden und drehenden Bewegungen, die wir mit dem eigenen Leibe vollbringen können. Aber angesichts des Himmels schrumpft unser Leib zu einem Punkte zusammen und wird zu einem mikroskopischen organi- schen Anhängsel der Muttererde. Die Erde selbst wird gleichsam zum gemeinsamen Leibe aller auf ihr lebenden Himmelsbeobachter. Wir übertragen das Zentrum unserer Wahrnehmungsfähigkeit aus dem eigenen Leibe auf die Erde, deren Kinder wir sind. Die Erde wird zum Zentrum des Kosmos, und unsere Wahrnehmungsfähig- keit gewinnt einen geozentrischen Charakter. Von der Erde als dem kosmischen Mittelpunkte aus gesehen scheinen die im Weltraume frei schwebenden Sterne alle eine gleiche Entfernung zu haben: unser Blick projiziert sie alle auf das imaginäre Himmels- gewölbe, wo sie wie angeheftet erscheinen. Dieser Anblick ist der kristallene, leuchtende Ausdruck für die Zentriertheit unseres sinn- lichen Anschauungsvermögens, denn auf welchem Stern wir uns immer befänden, würden wir vermöge dieses zentrierten Charak- ters unserer Sinnlichkeit doch immer wähnen, vom Mittelpunkte des Kosmos auf ein geschlossenes Himmelsgewölbe aufzublicken, das von einem unermeßlichen Heere funkelnder Sterne übersät ist, die alle radiär von uns gleich weit entfernt zu sein scheinen. Aber noch eindringlicher kommt uns die Zentriertheit unserer Sinneswahrnehmung zum Bewußtsein, wenn wir in sternhellen Nächten auf die (scheinbare) Ortsänderung der Himmelskörper achten. Wenn wir von den spezifischen Eigenbewegungen von Sonne, Mond und Planeten am Himmel zunächst absehen, so bleibt als unauslöschlicher Gesamteindruck das einzige Schau- spiel zurück, daß alle Sterne des Himmels ihre gegenseitigen Ent- fernungen unverändert beibehaltend, in je 24 Stunden parallele Kreise um eine feste Himmelsachse zu beschreiben scheinen,