152 Alte und neue Atomistik. Atome zu berücksichtigen, sondern daß es zu ihrer Grundnatur gehört, verschiedene chemische Wertigkeit oder Valenz zu besitzen. Kurz, die chemische Atomistik ruht - wie dies die spä- tere Chemie lehrte — auf zwei Grundsäulen, auf dem Begriffe des Atomgewichtes und dem der Atomwertigkeit. Erst mit Hilfe dieser letzteren, derzeit noch umstrittenen Vorstellung konnte die in ihrer Art einzige chemische Formelsprache im Verlaufe des 19. Jahrhunderts jene reiche Entwicklung durchmachen, die zu chemischen,,Typen",,,Strukturformeln",,,Stereoformeln", „Ko- ordinationsformeln" führte und selbst die räumliche Lage der Atome innerhalb des Moleküls abzubilden versuchte. Es würde jedoch zu weit führen, diese Fortschritte des chemischen Schauens an der Hand der Arbeiten von Gerhardt, Laurent, Kekulé, van t'Hoff, Werner usw. näher zu beleuchten. Einseitig beengt ist dieser Entwicklungsgang der Atomistik insofern zu nennen, als er die chemische Verfassung der stofflichen Welt nicht gleich auch mit ihrer physikalischen Verfassung in die nötige Wechselbeziehung setzt. Dies tritt in dem Begriff des che- mischen Grundstoffes oder Elementes schier handgreiflich zutage. Ein chemischer Grundstoff kann in seiner Reinheit nur Atome derselben Sorte enthalten, und es fragt sich, wie solche sich zu assoziieren und einen physikalischen Körper zu bilden vermögen. Denn im allgemeinen kann chemische Verwandtschaft oder Affinität nur zwischen Atomen verschiedener Sorte bestehen, so daß zur Bildung von Molekülen vor allem chemische Verschiedenheit der Atomsorten erforderlich ist. Nun ist aber der Chemiker gezwungen, auch die Atome ein und derselben Sorte so aufzufassen, daß sie zu Molekülen zusammentreten können, weil sie sonst keine greifbaren Körper bilden würden, und die chemischen Elemente nichts weiter als eine ungeheure Vielheit unzusammenhängender, isolierter Atome wären. Hier liegt eine große Schwierigkeit verborgen, denn die Kraft, welche die Atome gleicher Sorte zusammenhält und zu Molekülen verbindet, kann gar nicht dieselbe chemische Verwandt- schaft sein, welche zwischen den Atomen verschiedener Sorte waltet und sie gleichsam zu chemischer Kreuzung bringt. Und diese Schwierigkeit läßt sich nicht totschweigen, denn es gibt Ele- mente, die gar keine Verwandtschaft zu anderen Elementen zeigen und mit ihnen auch keinerlei chemische Kreuzung eingehen. Dies sind die sogenannten Edelgase: Helium, Argon, Neon, Krypton und Xenon, die, wenn auch in einem äußerst verdünnten Zu- stande, doch der ganzen Erdatmosphäre beigemischt sind und an der Wende des 19. und 20. Jahrhunderts entdeckt wurden. Sie machen den Eindruck, als ob sie chemische Eigenschaften gar nicht besäßen, sondern nur rein physikalisch geartet wären. Von einem eigentlichen Atomgewicht und einer chemischen Wertigkeit