Alte und neue Atomistik. 151 bildlich, sondern asymmetrisch aufgefaßt werden müssen. Nun tritt erst in unserer jetzigen atomistischen Betrachtung hervor, welcher Sinn in dem,,asymmetrischen Gegensatz" verborgen liegt. Weitergehend kann sich die neuere Atomistik nicht mehr da- mit begnügen, den asymmetrischen Gegensatz von Abbau und Aufbau bloß durch die zwei Stufenbegriffe Daltons, durch das Atom und Molekül, festzulegen. Wohl beginnt die eigentliche Ato- mistik mit der Schaffung dieses Begriffspaares, aber die fort- schreitende Wissenschaft fordert eine ganze Reihe von derartigen Begriffen, gleichsam eine Hierarchie derselben. Dalton ging zu- nächst darauf aus, die chemische Struktur der stofflichen Welt zu erfassen, darüber mußte er jedoch notgedrungen das große Problem der physikalischen Struktur vernachlässigen. Und doch können beide Strukturen nur in ihrem innigsten Zusammen- hang und ihrer wechselseitigen Bedingtheit durchschaut werden. In dieser einfachen Formel ist die Aufgabe der neueren Atomistik und Molekularlehre der älteren gegenüber klargelegt. Das Dalton- sche Gesetz der ,,konstanten und multiplen Proportionen" warf sein durchdringendes Licht auf die chemische Struktur, nicht aber auch auf die physikalische Verfassung der Stoffe. Was war die eigentliche grundlegende Leistung Daltons? Wenn eine chemische Verbindung dadurch gekennzeichnet ist, daß sie aus bestimmten Grundstoffen oder chemischen Elementen in bestimmten Gewichts- verhältnissen zusammengesetzt ist, so kann diese gesetzlich mesokos- mische Tatsache gar nicht anders ausgelegt werden, als daß sie schon im Mikrokosmos verwurzelt sein muß. Die Atome selbst treten im Mikrokosmos in denselben Gewichtsverhältnissen zu Molekülen zusammen, in welchen die wägbaren Verbindungen aus ihren wägbaren Bestandteilen zusammengesetzt sind. Das war ein ebenso einfacher wie hellseherischer Gedanke, der dem Chemiker eine neue Welt eröffnete. Die Atome sind von Natur aus quanti- fiziert; sie sind Quanten, Stoffquanten, Gewichtsquanten, und die qualitative Verschiedenheit der verschiedenen chemischen Elemente, bzw. der verschiedenen Atomsorten liegt schon in ihren ursprüng- lichen Eigengewichten, in ihrer Quantennatur begründet. Schöner konnte Qualität und Quantität nicht miteinander in Wechselbeziehung und Wechselbedingtheit gesetzt werden. Es war dies ebensosehr exakt wie auch künstlerisch gedacht. Allerdings können zwei Elemente oder Atomsorten nicht nur in einerlei, sondern wohl auch in zwei, drei, selbst noch in mehreren Verhältnissen zusammentreten und dadurch eine kleine Stufenfolge von verschieden gearteten chemi- schen Verbindungen bilden (wie z. B. Kohlenoxyd und Kohlen- säure), aber das Gesetz der multiplen Proportionen gibt bekannt- lich eben hierfür eine befriedigende Auslegung. Es zeigt sich zugleich, daß es durchaus nicht genügt, bloß das eigentümliche Gewicht der