148 Alte und neue Atomistik. vorstellungen in unsere Darstellung einzuführen, die keinen anderen Zweck verfolgen, als den eigentlichen Sinn einer jeden atomistischen Forschung so weit wie möglich aufzuhellen. Den Ausgangspunkt der Atomistik bildet bekanntlich die Füll- barkeit der Materie, d. i. die Tatsache, daß ein jeder Körper mechanisch zerkleinert werden kann. Wichtig für unsere Betrach- tung ist jedoch nicht die künstliche, durch den Menschen mecha- nisch herbeigeführte Zerkleinerung der Materie, sondern diejenige, die der Naturprozeß selbst besorgt, die also auch ohne Hinzutun des Menschen stattfindet. Ein typisches Beispiel für die Zerklei- nerung durch den Naturprozeß ist die Auflösung fester Körper in Flüssigkeiten: ein Vorgang, der den Abbau der Materie viel weiter treibt, als daß ihm die menschliche Wahrnehmung, ja auch die Einbildungskraft zu folgen vermöchte. Durch das Verschwinden des aufgelösten Stoffes in seinem Lösemittel wird die atomistische Grundvorstellung nahegerückt, daß die Materie fortwährend aus dem Mesokosmos (d. i. der Welt, die in die Reichweite unserer Hände und unserer unmittelbaren Sinneswahrnehmung fällt) in die un- erreichbaren Abgründe der Kleinwelt, des Mikrokosmos, ver- sinken kann. Nun gibt es aber auch einen polar entgegen- gesetzten Naturprozeß, einen Vorgang der Zusammensetzung oder des Aufbaus von Materie, der am besten durch das Hervorgehen von Kristallen aus der Flüssigkeit, in der sie aufgelöst waren, veranschaulicht werden kann. Damit die Kristallbildung be- ginne, muß bekanntlich die Lösung,,gesättigt“, ja auch „über- sättigt" sein, es müssen sich sogenannte,,Kristallkeime“ bil- den, von denen das Wachstum der Kristalle ausgeht. Man kann auch künstlich Kristallkeime in die übersättigte Lösung einführen und dadurch dem Kristallisationsvorgang einen Anstoß geben. Ostwald hat (1897) interessante Versuche über die Größe oder richtiger die Kleinheit solcher Keime gemacht, die den Kristalli- sationsvorgang anregen können. Es handelt sich um solche Winzig- keiten, wie ein millionstel, ein hundertmillionstel Milligramm, die hierzu schon ausreichen, trotzdem haben solche Keime noch wahre Riesenausmessungen im Vergleich zu den „Molekülen“ und müssen als Gebilde von höherer Stufe, oder wie wir uns ausdrücken wollen, als Molekülgemeinden oder Hypermoleküle bezeichnet werden. Die Kristallisation ist also ein synthetischer Vorgang, der vom Mikrokosmos ausgeht und in den Mesokosmos hinaufdringt. Hiermit ist zugleich ausgesprochen, daß die Kristall- moleküle von höherem kompletteren Bau sind als die Flüssigkeits- moleküle, aus denen sie hervorgingen. Die Flüssigkeitsmoleküle ihrerseits sind höhere Stufengebilde als die Dampfmoleküle, aus denen sie durch Druck und Abkühlung entstehen. In diesem ein- fachen Gedankengang ist der erste Schritt zu einer neuen, prin-