144 Das Weltbild der neuen Physik. indem der elektrische Strom in das Hochvakuum entladen wurde, mußte die Elektrizität schließlich ihr Geheimnis verraten. Es ergab sich wie wir sahen das erstaunliche Resultat, daß die negative Elektrizität, von jeder materiellen Unterlage befreit, im höchsten Vakuum für sich isoliert in Form einer Strahlung dar- gestellt werden kann, während dies für die positive Elektrizität nicht möglich ist. Dadurch war der prinzipielle Unterschied zwi- schen dem Eigencharakter der beiden Elektrizitäten gefunden und der relativistischen Auffassung desselben für immer der Boden entzogen. Man kann diesen Unterschied in folgender Weise zum Ausdruck bringen: Für die positive Elektrizität gilt die Notwen- digkeit, daß sie an bewegten materiellen Teilchen, an Jonen, hafte, für die negative Elektrizität hingegen gilt ein Entweder- Oder, demzufolge sie sich von den Jonen, an denen sie haftet, auch abtrennen und im reinen Äther fortpflanzen kann. Man sieht also, daß hier gar kein sogenannter ,,symmetrischer Gegensatz" im Spiele ist. Überhaupt ist ja der symmetrische oder tote Gegen- satz der Relativisten nur ein Mißverständnis der in der Natur wal- tenden realen Polaritäten und bedeutet im Grunde genommen eine Leugnung ihrer Existenz. Es gibt zwei philosophische Rich- tungen in der Auffassung der Naturgegensätze: den Polarismus und den Relativismus. Der letztere sucht die im Natur- prozeß waltenden Polaritäten zu verleugnen und begrifflich zum Verschwinden zu bringen, während der erstere den Fortschritt in der Naturerkenntnis von der Erforschung der natürlichen Gegen- sätze oder Polaritäten abhängig macht. Die Frage nach dem Wesensunterschied der beiden Elektri- zitäten hat also eine weit tiefere philosophische Bedeutung, als man es auf den ersten Blick hin glauben möchte. Es war ein wissen- schaftliches Ereignis von höchster Tragweite, als am Ausgang des 19. Jahrhunderts die Entdeckung gemacht wurde, daß der Äther die negative Elektrizität zu leiten vermag, für die positive Elektrizität jedoch undurchlässig ist. Denn erst hierdurch war der entscheidende Beweis für die Existenz eines ätherischen Substrates erbracht. Das Experiment zeigte es mit Sonnenklarheit, daß das sogenannte ,,Vakuum" sich wesentlich anders der positiven wie der negativen Elektrizität gegenüber ver- hält. Gäbe es wirklich einen leeren Raum, so läge kein Grund und keine Möglichkeit vor, daß er auf die zwei Elektrizitäten ver- schiedenartig reagiere. Das selektive Verhalten des,,Vakuums" zeigt an, daß im sogenannten,,Vakuum" ein Substrat vorhanden sein muß, das jene Selektion ausübt und der negativen Elektrizität in Form der Kathodenstrahlung den Durchgang gestattet, während es sich der positiven Elektrizität in entscheidender Weise wider- setzt. Die Ätherphysik hat dadurch eine unverrückbar feste em- ―― -