Das Weltbild der neuen Physik. 143 Holtz vermittels Veränderung der maßgebenden Umstände in mannigfachster Weise variiert, ineinander übergeführt und kom- biniert, so daß die fundamentale Frage nach dem Wesensunter- schied der beiden Elektrizitäten immer wach erhalten blieb. Trotz- dem gelangte jene mystische Auffassung zur allgemeinen Herr- schaft, als ob zwischen den zwei Elektrizitäten ein,,symmetrischer Gegensatz", eine ,,umgekehrte Gleichheit", eine ,,verdrehte Iden- tität" bestünde, kurz die eine das Spiegelbild der anderen wäre, ja letzten Endes beide vertauschbar und unterschiedslos sein müßten. Gewiß hat man das gute Recht, die eine Elektrizität als posi- tiv, die andere hingegen als negativ zu kennzeichnen, denn so wie in der Algebra + a unda die Summe Null ergeben, so heben sich die zwei entgegengesetzten Ladungen, die an zwei gegen- einander geriebenen Körpern entstehen, durch eventuelle Ver- einigung wieder auf (d. h. sie verschwinden beide, und statt ihrer erscheinen andere Energieformen, wie Wärme, Licht usw.) Es ist jedoch zu bedenken, daß Plus und Minus bloß gedankliche Gegensätze sind, wohingegen die positive und negative Elek- trizität reale Gegensätze darstellen und daß diese zwei Kate- gorien von Gegensätzen niemals verwechselt werden dürfen. Der Mathematiker gerät indessen leicht in Versuchung, den Unter- schied der beiden Elektrizitäten durch die Vorzeichen von Plus und Minus für völlig erschöpft zu halten. Dann wird sein Denken relativistisch, er macht keinen Unterschied zwischen gedanklicher und realer Polarität. Er sieht nur noch die gegensätz- liche Relation der zwei Elektrizitäten und nicht auch ihren realen Unterschied, so wie etwa jemand, der meinen würde, daß zwischen den zwei Geschlechtern nur eine gedankliche und nicht auch eine reale Polarität bestehe. Nun ist es aber offenbar, daß kein Sterb- licher aus dem Plus- und Minuscharakter der beiden Elektrizitäten durch logische Folgerung hätte voraussagen können, welche spezi- fische Lichterscheinungen oder welche Lichtenbergsche Figuren sie durch Entladung erzeugen müßten. Dank der Wachheit der Männer der experimentellen Erfahrung ist nun die relativistische Auffassung der elektrischen Polarität völlig überwunden worden, und dieser glückliche Erfolg eröffnet eine neue Epoche der Elektri- zitätslehre. Denn wenn auch die nähere Prüfung des Büschel- und des Glimmlichtes sowie der Lichtenbergschen Figuren auf die wir hier leider nicht eingehen können - nur Illustrationen zu einem noch ungelösten Problem waren, so haben doch die Entladungs- vorgänge an der Wende des 19. Jahrhunderts die prinzipielle Lö- sung des elektrischen Polaritätsproblems gebracht. Als die wohl- stilisierte höchste Form der Entladungsversuche müssen wir näm- lich die Versuche mit der Plückerschen Röhre betrachten, denn ――――