142 Das Weltbild der neuen Physik. eine ,,Spiegelschrift" der anderen. Man illustriert dementsprechend das Verhältnis der zwei Elektrizitäten auch durch das Gleichnis einer,,Rechtsdrehung“ und einer „Linksdrehung", einer Bewe- gung im Sinne des Uhrzeigers und einer entgegengesetzten Bewe- gung usw. Offenbar sind aber alle derartigen Gleichnisse irre- führend, denn mag auch eine positive elektrische Ladung beliebig von rechts oder links, von oben oder unten, von vorne oder von hinten betrachtet werden, so wird sie durch diese Änderung un- seres Standpunktes ihr gegenüber noch keineswegs zu einer nega- tiven Ladung." Tatsächlich haben schon die Physiker des 18. Jahrhunderts gezeigt, daß zwei Elektrizitäten nicht nur in ihrer gegensätz- lichen Relation zueinander, sondern auch jede für sich be- trachtet und untersucht werden können, in welch letzterem Falle sie sich durch charakteristische unterschiedliche Wirkungen zu erkennen geben. Dieser individuelle Unterschied der beiden Elek- trizitäten kommt besonders bei den sogenannten elektrischen Entladungsvorgängen verschiedener Art in mannigfachster Weise zum Vorschein. Schon vor mehr als anderthalb Jahrhunderten war es bekannt, daß die positive Elektrizität bei Entladung durch eine Spitze andere Lichterscheinungen hervorbringt als die negative. Wenn man z. B. den mit positiver Elektrizität geladenen Konduktor einer Elektrisiermaschine mit einer (etwas abgestumpften) Spitze versieht, so strömt durch dieselbe die Elektrizität in die umgebende Luft aus und bildet das im Dunkel sichtbar werdende gestielte Büschellicht mit divergierenden bläulichen und rötlichen Strahlen, wohingegen die negative Elektrizität bei der Entweichung durch eine Spitze einen leuchtenden Punkt, einen Lichtstern ergibt. Noch weit schärfer, weil in fixen Figuren, tritt dieser Unter- schied bei den bekannten Lichtenbergschen Figuren hervor. Der deutsche Satiriker Georg Christoph Lichtenberg, Professor der Physik in Göttingen, machte, durch eine zufällige Beobachtung angeregt, die Bemerkung (1777), daß, wenn er Elektrizität gegen die Harzfläche eines Elektrophors strömen ließ und die betreffen- den Stellen mit Harzstaub bestreute, der Staub gewisse Figuren bildete, die für die positive Elektrizität eine andere Gestalt zeigten als für die negative. Die beiden Elektrizitäten verrieten sich gleich- sam durch verschiedenen Fingerabdruck. War die Ladung elektro- positiv, so bildete sich an der Entladungsstelle auf der Harzfläche eine strahlige, nach außen hin verästelte Figur, während die elektronegative Entladung eine strahlenlose, ringförmige Scheibenfigur erzeugt. Im Verlaufe des 19. Jahrhunderts und dann auch in der neuesten Zeit wurden diese Figuren durch eine lange Reihe von Versuchskünstlern, so durch Rieß, den ungarischen Physiker Antolik, ferner durch W. König, v. Bezold, Toepler und