Das Weltbild der neuen Physik. 141 aufhörten, eine symmetrische Rolle zu spielen, ja der negative Pol die Herrschaft völlig an sich riß gingen doch sowohl die Ka- thoden als auch die Kanalstrahlen von ihm auswährend der positive Pol nur eine unbeteiligte, passive Zuschauerrolle zu spielen schien. Es konnte demzufolge der Gedanke auftauchen, daß außer den zwei Strahlungen am negativen Pol auch noch irgendwelche andersgeartete Strahlungen am positiven Pol künstlich hervor- gerufen werden könnten. So unwahrscheinlich auch eine solche Vermutung war, so bestand sie doch tatsächlich und war lange ein Haupthindernis für die richtige Erkenntnis des Zerfalls des elek- trischen Stromes in zwei Grundstrahlungen. Es bleibt also noch übrig, zu zeigen, daß an dem positiven Pol durchaus nur derartige elektrische Strahlungen künstlich geweckt werden können (wie dies E. Gehrcke und O. Reichenheim 1908 auch taten), ferner daß gerade die Herrschaft des negativen Pols im Hochvakuum nichts anderes als der adäquate Ausdruck für den tatsächlichen Zerfall des elektrischen Stromes ist, und daß schließlich in diesem Zerfall nichts anderes zum Vorschein kommt als die Grundverschieden- heit der beiden Elektrizitäten und die gegensätzliche Natur des Weltäthers und der Materie. Dann erst werden wir daran gehen können, das in der heutigen experimentellen Physik enthaltene latente Weltbild in seinen Hauptzügen herauszuarbeiten. ――――― 3. Elektrizität und Relativismus. Kaum möchte man es glauben, daß die Unterscheidung der zwei Elektrizitäten noch nicht zweihundert Jahre alt ist. Erst in den dreißiger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts unter- schied Dufay zwischen der Glas- und Harzelektrizität, und von ihm stammt auch die berühmte Formel von der Anziehung der ungleich- namigen und der Abstoßung der gleichnamigen Elektrizitäten. Nichts war natürlicher, als daß man den Gegensatz der beiden Elektrizitäten mit den Ausdrücken „positiv“ und „negativ“ be- zeichnete, aber charakteristischerweise führte die Bezeichnung zu einem verhängnisvollen Vorurteil über die Natur der Elektrizität, das bis in unsere Tage hinein ungebrochen fortwirkt. Man faßt die Polarität der zwei Elektrizitäten wie einen sogenannten,,symme- trischen Gegensatz“ auf und beleuchtet ihn etwa durch fol- gende mystische Gleichnisse. So wie eine krumme Linie von außen betrachtet als konvex, von innen hingegen als konkav erscheine, so seien auch die zwei Elektrizitäten nur die gegensätzlichen zwei Ansichten einer Elektrizität. Betrachtet man eine krumme Linie im Spiegel, so wird ihre konvexe Seite, wenn sie uns zugekehrt ist, im Spiegel von uns abgekehrt erscheinen, und ebenso kehrt sich auch das Verhältnis ihrer Konkavität zum Beschauer um. Auch die eine Elektrizität — so meint man sei nur eine,,Umkehrung“, - - -