140 Das Weltbild der neuen Physik. diese Benennung entstand der widersinnige Schein, als ob nur die Elementarteilchen der negativen Elektrizität den Namen Elektron (also Elektrizität) verdienen würden, während die positive Elek- trizität vielleicht weil sie untrennbar an den materiellen Atomen haftete gleichsam disqualifiziert wurde. Zugleich war durch die einseitige Betonung der Elementarteilchen der Elektrizität die Aufmerksamkeit von den beiden Strahlungen als Ganzes be- trachtet abgelenkt, so daß die Grundtatsache, die vor Augen lag, der Zerfallprozeß des elektrischen Stromes, geradezu in Verlust geriet. Man sah vor Bäumen den Wald nicht mehr. Der Elektronbegriff diente nur dazu, die Frage nach dem Wesens- unterschied der beiden Elektrizitäten einfach aus der Welt zu schaffen oder richtiger, gar nicht zum Bewußtsein kommen zu lassen, folglich auch den Unterschied von Äther und Materie total zu verwirren, ja schließlich den ersteren auszumerzen, „abzu- schaffen". -- - Allerdings muß zugegeben werden, daß die Vorgänge im elek- trischen Hochvakuum von einer überwältigenden und neuartigen. Komplikation sind, die in einen Irrgarten von Detailfragen ver- lockt. Wir möchten diesbezüglich nur auf einige charakteristische Momente hinweisen. So wie zur Zeit Hittorfs die prachtvollen Lichterscheinungen in der Röhre die allgemeine Aufmerksamkeit von der Kernfrage der Kathodenstrahlung ablenkten, so hatten an der Neige des Jahrhunderts die 1895 entdeckten X- oder Röntgen- strahlen ein entgegengesetztes Fieber erzeugt, so daß die Plückersche Röhre als mystische Geburtstätte unbestimmt vieler, undenk- barer, geheimer Strahlungen aufgefaßt wurde. Daß die Röntgen- strahlen eigentlich optischer Natur, und zwar überaus kurzwellige lichtartige (wenn auch unsichtbare) Strahlen seien, wurde erst viel später erkannt. Auch die eigentümliche Wechselbeziehung, daß elektrische Strahlen optische hervorrufen und diese wiederum elektrische wecken können, also speziell elektrische Kathoden- strahlen lichtartige Röntgenstrahlen, diese hinwieder Kathoden- strahlen usw. produzieren, trat nur allmählich hervor und zeigte zur Genüge, daß das bis auf den heutigen Tag nicht durchschaute Reziprozitätsprinzip von Licht und Elektrizität in engster Weise mit dem Problem des elektrischen Vakuums verflochten ist. So wird es begreiflich, daß das Wunderreich des elektrischen Vakuums den Gedanken nicht leicht aufkommen ließ, daß in demselben nur von zwei elektrischen Grundstrahlungen die Rede sein könne. Das Verständnis der Vorgänge in der Plückerschen Röhre hängt aber eben davon ab, daß man vor allem den Zerfall des Stromes in zwei Grundstrahlungen erfasse. Dem stand jedoch schon von Beginn an der schwer beunruhigende Umstand entgegen, daß in dem elektrischen Hochvakuum der positive und der negative Pol