138 Das Weltbild der neuen Physik. einer ätherischen Strahlung für sich isoliert, sondern auch die positive Elektrizität in Form einer materiellen Strahlung dar- gestellt. Dadurch war aber auch die alte und hochbedeutsame Frage nach dem Wesensunterschied zwischen der posi- tiven und negativen Elektrizität ihrer prinzipiellen Lösung entgegengeführt! Seltsamerweise wurde jedoch diese so wichtige Errungenschaft zu Beginn unseres Jahrhunderts völlig übersehen, ja, es scheint sogar, daß sie in ihrer fundamentalen Bedeutung für unser physikalisches Weltbild auch heute noch nicht gewürdigt wird. Es dürfte also nicht überflüssig sein, darauf hinzuweisen, daß die Frage nach dem Unterschied der beiden Elektrizitäten ein geschichtliches Vermächtnis aus der Jugendzeit der Elektrizitäts- lehre ist (Lichtenbergsches Problem!) und als das Wiegen- problem der der ganzen ganzen Elektrik betrachtet werden kann. Vor allem aber dürfte es geboten sein, auseinanderzusetzen, daß die theoretische Haupterrungenschaft der Versuche mit der Plücker- schen Röhre wohl darin besteht, daß dieses Wiegenproblem, das fast unlösbar zu sein schien, von einer neuen Seite angefaßt und prinzipiell geklärt werden kann. Der Sinn der elektrischen Ver- suche mit dem Hochvakuum läßt sich nämlich in den folgenden leichtverständlichen Satz zusammenfassen: Leitet man den elektrischen Strom durch das ansteigende Vakuum, so zerfällt er notwendig in zwei Grundkomponenten, denn infolge der wachsenden Gasverdünnung vermag nur die nega- tive Elektrizität von dem materiellen Träger los- gerissen und zu einer selbständigen rein ätherischen Strahlung (Kathodenstrahlung) geformt zu werden, wohin- gegen die positive Elektrizität, die ihrer Natur nach untrennbar an den Atomen der Materie haftet und mit diesen Atomen gleichsam verwachsen bleibt, unfähig ist, sich von dem materiellen Träger zu trennen, und sich nach Art der negativen Elektrizität selbständig im reinen Äther fortzupflanzen. Dafür vermag sie aber an den Gasatomen haftend unter günstigen Um- ständen eine materielle oder Jonenstrahlung (Kanal- strahlen) zu bilden. Zeigt sich hier nicht mit größter Deutlich- keit, daß im Zerfall des elektrischen Stromes eben der Wesens- unterschied der zwei Elektrizitäten zum Vorschein kommt? Kein Faraday und kein Maxwell hatten eine Ahnung von diesem Wesens- unterschied, so daß der Einblick in denselben eine neue Epoche der Elektrizitätslehre ankündigt. Um so tiefer ist es zu beklagen, daß der Unterschied der beiden Elektrizitäten, den wir noch näher werden beleuchten müssen, nicht schon an der Neige des 19. Jahrhunderts klar und scharf formuliert wurde, sondern in den Entdeckungen Lenards und Wiens sowie