Das Weltbild der neuen Physik. 137 Strahlung übe. (Man findet die Erforschung der Kanalstrahlen sehr faßlich und klar dargestellt in E. Gehrckes Schrift:,,Die Strahlen der positiven Elektrizität", Leipzig, S. Hirzel 1909.) Als aber in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Erforschung der Kathodenstrahlen durch Lenard einsetzte, übte sie eine stark anregende Wirkung auch auf die Lehre von der Kanalstrahlung aus. Denn es mußte bezüglich der Kanalstrahlen genau dieselbe fundamentale Frage aufgeworfen werden, die Hertz und Lenard in Hinsicht auf die Kathodenstrahlen stellten. Sind die neuentdeckten Kanalstrahlen ätherischer oder materieller Natur? Pflanzen sie sich etwa im reinen Äther des vollständigen Vakuums fort, wie dies Lenard 1894 von den Kathodenstrahlen gezeigt hatte? Oder aber bestehen sie was weit eher vermutet werden durfte aus elektrisch geladenen winzigen Gasatom- geschossen: aus Gasionen? Ein Dutzend Jahre hindurch blieb die wissenschaftliche Welt in tiefer Unklarheit über diese wichtige prinzipielle Frage, denn die entscheidenden Prüfungsmittel, der Magnet und die statische Elektrizität, schienen der Kanalstrahlung gegenüber zu versagen. Erst seit 1898 brachte die gewiegte For- schung W. Wiens Licht in diese Dunkelheit. Es gelang ihm, zu zeigen, daß eine beträchtliche magnetische Kraft erforderlich sei, um die Ablenkung der Kanalstrahlen meßbar zu machen; nur mußte durch einen eisernen Schutzmantel um das eine Halbrohr herum dafür gesorgt werden, daß nicht der ganze Entladungs- strom, sondern eben bloß die Kanalstrahlung durch den starken Elektromagnet deformiert werde. Nicht minder vermochte W. Wien auch die Ablenkung der Kanalstrahlen durch die Einwirkung eines elektrischen Feldes zur Messung zu bringen und seine Messungen in scharfsinniger Weise zu deuten. Es zeigte sich, daß der Sinn der magnetischen wie auch der elektrischen Ablenkung der Haupt- sache nach bei den Kanalstrahlen der direkt entgegengesetzte ist wie bei den Kathodenstrahlen, und es konnte genau erwiesen wer- den, daß es sich hier um eine wesentlich positiv elektrische Strahlung handelte, und zwar um eine materielle oder Jonen- strahlung, die aus elektrisch geladenen Atomgeschossen der in der Röhre befindlichen, höchst verdünnten Gas- oder Dampfreste besteht. Natürlich kann eine solche materielle Strahlung nicht wie die ätherische Kathodenstrahlung durch ein Aluminium- oder irgendein anderes Metallfenster hindurch aus der Röhre heraus- geholt werden. - - Also hatte der deutsche Forschergeist an der Neige des neun- zehnten und zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ein wunder- bar überraschendes Bild von jener geheimnisvollen Welt des Hoch- vakuums geliefert, das vom elektrischen Strom durchflutet wird. Denn nicht nur die negative,, Elektrizität selbst" hatte er in Form