136 Das Weltbild der neuen Physik. gelang, den elektrischen Strom abzubauen, und zieht deshalb die Konsequenzen nicht, die zur Umgestaltung des physikalischen Weltbildes führen. 2. Das Geheimnis der zwei Elektrizitäten. Leitet man den elektrischen Strom durch die Plückersche Röhre, so zerfällt er in zwei Strahlungskomponenten oder in zwei Halbströme, von denen wir bisher nur den ätherischen Halb- strom oder die sogenannte Kathodenstrahlung etwas näher ins Auge faßten. Nun wenden wir unsere Aufmerksamkeit dem anderen Halbstrom, der materiellen Strahlungskomponente zu, die von E. Goldstein 1886, also sieben Jahre nach dem großen Crookesschen Erfolg entdeckt, nicht aber auch ihrer materiellen Natur nach erkannt wurde. Immerhin war eine neue Etappe in der Aufspaltung des elektrischen Stromes gewonnen. Goldstein hatte den glücklichen Gedanken, die Kathodenplatte zu durchlöchern und hierdurc der bisher völlig verborgenen zweiten Strahlungs- komponente freie Bahn in das Reich der irdischen Sichtbarkeit zu eröffnen. Er nannte sie Kanalstrahlung, nicht um ihre Natur, sondern um die Geburtshilfe, durch die sie entdeckt wurde, anzu- deuten. Man hat sich den interessanten Goldsteinschen Grund- versuch etwa in folgender schematischer Weise vorzustellen: die Plückersche Röhre wird durch eine querliegende Aluminiumplatte, die als Kathode dient, in zwei gleiche Hälften geteilt, die nur durch enge, in der Platte angebrachte Öffnungen miteinander kommuni- zieren. Auch ein Drahtnetz kann den gleichen Dienst leisten, d. h. als Kathode zur Verwendung kommen. Wird nun die Röhre ge- nügend evakuiert und schickt man durch sie den elektrischen Strom, dann kommt in der einen Hälfte derselben, wo sich auch die Anode befindet, der bekannte Entladungsvorgang mit den obligaten Kathodenstrahlen zur Entwicklung, während im anderen Halbrohre nach entgegengesetzter Richtung, von den Kathoden- öffnungen ausgehend, sich die gelblichleuchtende Kanalstrahlung geltend macht und die von ihr erreichte Glaswand zu charakte- ristischer grüner und gelber Doppelphosphoreszenz bringt. Welch ein Experiment von tiefster symbolischer Bedeutung! Mit den Augen eines heutigen Forschers betrachtet, könnte dieser Ver- such als die einfachste Darstellung des Zerfalls des elektrischen Stromes in zwei Strahlungskomponenten gedeutet werden. Der damaligen Forschung lag jedoch eine solche Auffassung ferne. Denn in den achtziger Jahren bis tief in die neunziger hinein blieb die Natur der neuentdeckten Kanalstrahlen in hohem Grade rätselhaft, von anderen verwirrenden Komplikationen abgesehen vornehmlich aus dem Grunde, weil es den Anschein hatte, daß ein herbeigebrachter Magnet so gut wie gar keine Wirkung auf die