Das Weltbild der neuen Physik. 135 L Geradlinigkeit entfalte, wie dies sonst nur von sichtbaren Licht- strahlen erwartet werden konnte. Dadurch war zugleich die prin- zipielle Frage beantwortet, die schon Hertz lebhaft beschäftigt hatte, ob nämlich die Kathodenstrahlung materiellen oder äthe- rischen Charakters sei. Lenards Antwort lautete, sie habe rein ätherischen Charakter, denn sie bringe keine Spur einer Ma- terie, namentlich auch keine Luftteilchen mit sich in das Vakuum hinein, in das sie hinübergeführt wird. Die mystisch-materialistische Auffassung von Crookes, daß die Strahlen eigentlich geschleuderte Gasteilchen seien, war widerlegt, und Lenard durfte wohl sagen: ,Was man nie glaubte, gesehen zu haben: Elektrizität ohne Ma- terie, elektrische Ladung ohne geladenen Körper, das haben wir also in den Kathodenstrahlen als bereits unter unseren Händen befindlich gefunden. Wir haben gewissermaßen die Elektrizität selbst entdeckt, ein Ding, über dessen Dasein oder Nichtdasein, über dessen etwaige Eigenschaften man seit Gilbert und Franklin vergeblich sich Gedanken gemacht hatte." (Nobel- vortrag S. 31). "" Eine wesentlich neue Gestaltung der Elektrizität, die elektrische Strahlung war gefunden, die die Väter der neuen Elek- trik: Volta, Ampère und Faraday nicht gekannt und nicht geahnt hatten. Als Lenard die negative elektrische Strahlung gleichsam einen negativen Halbstrom – aus der Röhre herausholte und selb- ständig machte, da war es klar, daß innerhalb der Röhre ein eigentümlicher Prozeß, der Zerfall des elektrischen Stromes, stattgefunden haben mußte. In unseren nächsten Be- trachtungen werden wir auch der anderen Hälfte des zersetzten Stromes, der sogenannten „,Kanalstrahlen“, gedenken und ihre materielle Natur beleuchten. Das Wesentliche ist, daß ein elek- trischer Strom in gegensätzliche Strahlungen oder Halbströme von ätherischer und materieller Natur gespalten werden kann. So wie ein Chemiker einen zusammengesetzten Körper in seine Be- standteile zerlegen und je eines seiner Elemente für sich isolieren kann, so ist es auch möglich, den elektrischen Strom in elementare Strahlungen aufzulösen. Man sollte das Kapitel der elektrischen Strahlungen mit der Aufschrift:,,Der Abbau des elektrischen Stromes" markieren und den gasförmigen Zustand der Materie als jenen Aggregatzustand der Materie kennzeichnen, der eine solche Dekomposition ermöglicht. Innerhalb der Gase können wir die ätherische und materielle Komponente der Elektrizität voneinander trennen, in festen und flüs- sigen Körpern ist das nicht möglich. Diese wunderbare Tatsache wird in der heutigen Wissenschaft noch nicht mit der nötigen Klarheit erfaßt, was zu mancherlei atavistischen Ver- irrungen Anlaß gibt. Man merkt es eben nicht, daß der große Wurf -