134 Das Weltbild der neuen Physik. zu einem neuartigen Turmbau von Babylon, der selbst die edle und strenge Sprache der Mathematiker ver- wirrte und die Spottgeburt der sogenannten „Relativi- tätstheorie" ins Leben rief. Wir möchten jedoch unseren späteren Ausführungen nicht allzusehr vorgreifen und kehren zu unserer geschichtlichen Skizze der Kathodenstrahlen zurück. Wie äußerst schwierig das Problem der elektrischen Strahlung war, ist daraus zu ersehen, daß die Klä- rung ihres Wesens erst fünfzehn Jahre nach den Crookesschen Experimenten durch Lenard erfolgte. Als den methodischen und exakten Erforscher der Kathodenstrahlen und ihrer Wechsel- beziehungen zum Licht dürfen wir Lenard betrachten, dem es 1894 gelang, die Kathodenstrahlen aus der Röhre, in der sie er- zeugt werden, zu befreien und in einen anderen Beobachtungsraum hinüberzuleiten, wo sie der eigentlichen Untersuchung erst wahr- haftig zugänglich wurden. Innerhalb der Röhre steht nämlich die Kathodenstrahlung unter den Bedingungen ihres Erzeugt- werdens, sie kann also nicht versuchsweise solchen anders- gearteten Bedingungen unterworfen werden, die mit denjenigen ihrer Erzeugung unvereinbar sind. So kann z. B. innerhalb der Röhre nicht untersucht werden, ob Kathodenstrahlen auch im extremsten Vakuum bestehen können, denn wird die Röhre völlig evakuiert, so geht der elektrische Strom nicht mehr durch sie hin- durch und die Produktion der Strahlung wird alsdann von vorn- herein verhindert. Ebenso kann innerhalb der Röhre nicht unter- sucht werden, ob die Kathodenstrahlung auch in freier Luft und bei normalem Druck bestehen könne, denn um die Strahlung hervortreten zu lassen, muß ja die Luft in der Röhre in hohem Maße verdünnt werden. Kurz, die Kathodenstrahlung befindet sich innerhalb der Röhre gleichsam wie im Mutterleibe, so daß es überhaupt fraglich war, ob sie auch außerhalb desselben, d. h. selbständig zu bestehen vermag. Indem Lenard diese prin- zipielle Frage löste, ward er zum eigentlichen Begründer der Lehre von den Kathodenstrahlen. Er leitete die. Strahlung durch ein ,,Aluminiumfenster" aus der Röhre heraus und zeigte, daß sie auch in freier Luft und bei gewöhnlicher Luftdichte fortbestehe und ihre charakteristischen Eigenschaften betätige, d. h. einen in die Nähe gebrachten Schirm, der etwa mit Bariumplatinzyanür belegt ist, zur Phosphoreszenz bringen, auf denselben einen Schatten. werfen und durch magnetische oder auch elektrische Einwirkung von ihrer Gradlinigkeit abgelenkt und gebogen werden könne usw. Ferner zeigte Lenard, daß die Kathodenstrahlung auch in einen völlig evakuierten Beobachtungsraum hinüberleitbar ist, ja daß das sogenannte ,,Vakuum" ihrem Bestande besonders günstig sei, da sie sich in demselben zu meterlangen Strahlen von scharfer