Das Weltbild der neuen Physik. 133 daß die wegweisenden Entdeckungen der neueren Ätherphysik zwar gemacht waren, aber in Poggendorffs Annalen (Bd. 136) begraben lagen und auf ihre Auferstehung warteten. Wer sich für die charak- teristische Tragik der Hittorfschen Entdeckungen interessiert, findet darüber in Lenards klassischem Nobelvortrag,,Über Kathoden- strahlen" (W. de Gruyter & Co., Berlin und Leipzig 1920, zweite Auflage) alle wünschenswerten Aufklärungen. Die verschollenen Entdeckungen Hittorfs wurden zehn Jahre später (1879) durch Crookes mit reichen Mitteln und einer hoch- ausgebildeten Technik in eindrucksvollster Weise erneut und weiter- geführt. Seine glänzenden Vortragsexperimente hatten einen durch- schlagenden Erfolg und machten die Kathodenstrahlen zu einem der populärsten Kapitel der neueren Physik. Die fortschreitende Wissenschaft hatte einen großen Sieg zu verzeichnen, und das Jahr 1879 durfte fast wie der Anbruch einer neuen Phase des,,elek- trischen Zeitalters" begrüßt werden. Aber das alte Verhängnis, dem die Hittorfsche Leistung zum Opfer fiel, heftete sich in neuer Form an die glücklichsten Errungenschaften von Crookes. Denn bei aller experimentellen Künstlerschaft litt doch die theoretische Auf- fassung des englischen Forschers an bedauerlicher Unklarheit und Zweideutigkeit. Wir sehen gern darüber hinweg, daß er sich einen mystischen Ausdruck des jugendlichen (21 jährigen) Faraday an- eignete und die hochverdünnte Luft in seiner Versuchsröhre als im,,vierten Aggregatzustande" befindliche,,strahlende Ma- terie" bezeichnete, denn solche Schwärmerei kann immerhin den guten Erfolg haben, die Phantasie gebildeter Naturliebhaber in schöne Schwingungen zu versetzen. Doch ging Crookes um einen gefährlichen Schritt weiter, indem er die Kathodenstrahlung als geradlinig geschleuderte Teilchen oder Uratome dieser strahlenden Materie (also der hochverdünnten Luft) hinstellte, wodurch er den Keim von folgenschweren Verirrungen in die neue Physik verpflanzte. Wohl hat Lenard später den Beweis dafür erbracht, daß die Kathodenstrahlen nicht materieller, sondern ätherischer Natur sind, aber es begann doch seit Crookes eine Denkweise um sich zu greifen, die den Äther- und Materie begriff in bedenklichster Weise miteinander verquickte. Es wurde der Zwitterbegriff des,,Elektron" geformt, der gleich sehr ins Ätherische und Materielle hinüberspielte. Selten hat ein Begriff in der exakten Wissenschaft eine verhängnisvollere Rolle gespielt. Denn das ,Elektron" darf nicht nur als ätherische Materie oder materieller Äther, sondern auch als eine zwischen dem Äther und der Materie liegende dritte Realität gedeutet werden. Es steht aber auch frei, das Elektron als ausschließlich ätherisch oder als ausschließ- lich materiell, ja als die Urmaterie selbst hinzustellen. Eine solch schmierige Behandlung fundamentaler Begriffe führte