132 Das Weltbild der neuen Physik. Plücker das Problem der Leitung des elektrischen Stromes durch verdünnte Gase in Angriff genommen. Seinen Weisungen folgend, verfertigte der seinerzeit berühmte Glasbläser Geißler die nach ihm benannte Röhre, die später unter den Händen von Forschern wie Hittorf, Crookes und Lenard zu einem typischen Werkzeug der neuen Physik geworden ist. In den fünfziger und sechziger Jahren schien es jedoch, als ob dieses ebenso mächtige wie einfache In- strument zu einem bloßen Spielzeug von Dilettanten werden solle, weil die eigentliche Bedeutung desselben nicht begriffen wurde. Was hat ein beliebig geformtes, geschlossenes Glasgefäß zu be- deuten, in welches etwa zwei Platindrähte als Elektroden ein- geschmolzen oder eingekittet sind und das bis zu einem beliebig hohen Grad evakuiert wird? Heute kann dies schon jedermann wissen, damals hatte aber noch niemand eine rechte Ahnung davon. Es bedeutet ein Stück des Himmels oder des Weltäthers, durch das der elektrische Strom hindurchdringen soll. Solange man das Vakuum nur in seinem Verhältnis zur Fallkraft, zum Schall, zum Licht und der Wärme betrachtete, blieb es eigentlich unzugäng- lich, erst seitdem der Mensch den elektrischen Strom durch das (angenäherte) Vakuum hindurchschickt, ist dieses zu einem wahren Gegenstand und zu einem Zentrum aller physikalischen Forschung geworden. Aber in den sechziger Jahren gab es hier- von noch kein Bewußtsein. - Auch noch andere große Hinder- nisse standen der neuen Forschungsrichtung im Wege. Wir sahen oben, daß die Lichterscheinungen in der Röhre und die ihnen zu- grunde liegende geheime elektrische Strahlung in einem anta- gonistischen Verhältnisse des Wettstreits zueinander stehen, denn die Lichtphänomene müssen vermittels der Luft- pumpe immer stärker und stärker gedrosselt werden, um jener elektrischen Strahlung zum Siege zu verhelfen, von deren Existenz und Beschaffenheit sich von vornherein auch der genialste Ent- decker keine zureichende Vorstellung bilden konnte. Bedenkt man, daß die Blicke eines gewöhnlichen Beobachters auf das Sichtbare und nicht auf das im Hintergrunde verborgen wirkende Unsicht- bare gerichtet sind, und nimmt noch hinzu, wie schwierig es zu jener Zeit war von anderen technischen Unzulänglichkeiten ganz abgesehen, die nötigen höheren Grade der Auspumpung der Plückerschen Röhre zu erreichen, so begreift man, daß auf diesem pfadlosen neuen Gebiete nur ein sehr berufener Forscher wirkliche Erfolge erringen konnte. Als sich schließlich im Jahre 1869 in Wilhelm Hittorf, einem Schüler Plückers, ein solcher Forscher fand, der trotz technischer Schwierigkeiten und beengender Verhältnisse die Haupteigenschaften der Kathodenstrahlen aufzudecken ver- mochte, blieben seine tiefgründigen Leistungen von den Zeit- genossen völlig ungewürdigt und unverstanden. Also geschah es, ――