130 Das Weltbild der neuen Physik. seinem Verstecke aufzuscheuchen und ihn zu zwingen, sich im entleerten, materielosen Raume, d. h. im reinen Weltäther un- verhüllt zu zeigen! Dazu dienen eben die Versuche mit der Geiß- lerschen Röhre, die bekanntlich vermittels der Luftpumpe stark evakuiert ist und solchermaßen wenigstens annähernd ein wohl- abgegrenztes Stück des Weltäthers darstellt. Es ist eine Art von Hetzjagd auf das Geheimnis der Elektrizität, wenn der Physiker den elektrischen Strom aus einem Induktorium oder einer Influenz- maschine durch die verdünnte Luft der Geißlerschen Röhre zur Entladung bringt und auf die Lichterscheinungen lauert, die sich ihm in der Röhre darbieten. Hinter diesen Lichterscheinungen verbirgt sich der sie veranlassende elektrische Strom. Während aber der Dilettant sich durch das Leuchten und Glimmen der Luft in der Röhre gefangennehmen läßt, denkt der Forscher an das ge- heime elektrische Geschehen, das sich in die Falten und Schichten dieses zaubervollen Lichtmantels einhüllt und dadurch wenig- stens vorläufig unzugänglich macht. -- ―――― Obwohl die Lichterscheinungen in der Röhre lebhaft an die Pracht des Polarlichtes gemahnen, haben sie für uns nur ein sympto- matisches Interesse, insofern sie den verborgenen elektrischen Prozeß gleichsam durchschimmern lassen. Solange die Röhre nur ein wenig ausgepumpt ist, geht ein schmaler kontinuierlicher Lichtstreifen in welligem Schwung von der einen Elektrode zur anderen. Die ganze Erscheinung ist gleichartig und zeigt keinen Unterschied an der positiven und negativen Elektrode (Anode und Kathode). Ihr elektrischer Ursprung ist also noch ganz ver- hüllt. Indem aber das Auspumpen der Luft fortgesetzt wird, er- füllt das Leuchten die ganze Röhrenbreite und gewinnt einen merkwürdig geschichteten Charakter, so daß glanzvolle und licht- lose Luftquerschnitte miteinander abwechseln. Bei fortschrei- tender Evakuation kommt der elektrische Charakter des Licht- ursprunges ganz zum Durchbruch, indem das Licht an der Anode anders geartet ist als dasjenige an der Kathode und die beiden Lichtvorhänge einen lichtlosen Zwischenraum, den sogenannten ,,Faradayschen Dunkelraum", zwischen sich lassen. So auffallend auch der Unterschied zwischen dem positiven und negativen Licht- vorhang sein mag, so ist es doch von vornherein begreiflich, daß ein derartiger Gegensatz wie zwischen Plus und Minus zwischen ihnen keineswegs bestehen kann. Wir werden das positive oder Anodenlicht auch als ,,Lichtdraperie" bezeichnen, teils um seinen regelmäßig geschichteten Charakter anzudeuten, teils auch um zum Ausdruck zu bringen, daß es der Form der Röhre, ihren Bie- gungen und Ausweitungen sich anschmiegt. Es ist rötlich, während das negative oder ,,Glimmlicht" violetten Schein hat. Wird die Röhre bis auf einen Millimeter Atmosphärendruck oder noch