Galilei und das Übertragungsprinzip. 121 nungen, aller Antriebe oder Impulse zu betrachten, die, so ver- schiedener Art sie auch sein mögen, immer nur einen rein po- tentiellen Charakter haben und erst an der Materie ins aktuelle (kinetische) Dasein treten, d. h. als Bewegungen zum Vorschein kommen können. Äther und Materie verhalten sich also zueinander wie die potentielle zur aktuellen Natur. Unserer Auffassung nach sind es also nicht etwa erst die Erschei- nungen des Lichtes und der Elektrizität, die die Annahme eines Äthers notwendig machen. Es ist vielmehr der elementare Er- haltungsgedanke des Naturlaufs, der in der Annahme von zwei Substraten zum Ausdruck kommt. Was als Ätherdrang ver- loren zu sein scheint, taucht immer wieder als Bewegung der Ma- terie auf, und umgekehrt wandelt sich die vorüberrauschende Bewegung immer wieder in Ätherdrang zurück. Dieser heimliche Tausch zwischen Äther und Materie ist es, was man als Natur- haushalt im exakt physikalischen Sinne bezeichnen kann, und alle mathematische Kunst, die wir in den exakten Naturwissen- schaften anwenden, ist ja nichts anderes als eine möglichst strenge Rechenschaft über diesen unbegrenzten Tauschprozeß, in welchem weder der geringste Antrieb noch die geringste Bewegungsleistung jemals in Verlust geraten kann, denn was in der einen Gestalt nicht da ist, muß immer in der anderen vorhanden sein. Weiterhin ist es das elementarste kausale Bedürfnis, d. h. die geistige Nötigung, alles (unbelebte) Naturgeschehen als zwangläufig aus einem Naturwirken folgend zu erfassen, was die Zweiteilung des Natursubstrates erforderlich macht. Der ganze zwangläufige Naturprozeß muß aus der Wechselwirkung von Äther und Materie abgeleitet werden, die insoferne eine Einheit bilden, als sie sich wechselseitig bedingen, d. h. ohne einander nicht bestehen können. und einander durch unveränderlich polare Eigenschaften wechselseitig ergänzen, die jedoch nur in dem Maße erfaßt werden können, als sie der selbstkritisch schauende menschliche Geist aus der methodischen exakten Erfahrung herauszulesen vermag. Versucht man Impulse und Bewegungen in einem und dem- selben Substrat, z. B. in der Materie oder im Äther zu vereinigen, so wird man genötigt, dieses Substrat mit Lebendigkeit oder Geistigkeit auszustatten, ja es geradezu zu vergöttern, wie dies die philosophischen Systeme von Leibniz und Spinoza zeigen. Nun ist es hier nicht unsere Aufgabe, das tief geheimnisvolle Ver- hältnis der Lebendigkeit und Geistigkeit zum unbelebten oder zwangläufigen (mechanischen) Naturprozeß einer philosophischen Untersuchung zu unterwerfen. Wir haben es hier durchaus nur mit dem mechanischen Naturprozeß zu tun, der den Gegenstand der exakten Naturforschung (Physik, Chemie, Astronomie) bildet. Es leuchtet aber ein, daß der Naturlauf gar nicht anders mecha-