Galilei und das Übertragungsprinzip. 119 licht über alle Grundbegriffe der Physik ausbreitete: ein Unbehagen, als ob die Gerade von der Krummen nicht unterschieden worden wäre. Unser Streben muß also darauf gerichtet sein, den strengen Nachweis zu führen, daß an der Materie nur veränderliche Ge- schehnisse, nur ungleichmäßige Bewegungen haften können, wo- hingegen alle gleichförmigen Geschehnisse (wie Übertragungen, Fortpflanzungen, Ausbreitungen, Strahlungen) ein gänzlich anders geartetes Substrat, den Weltäther, erforderlich machen. II. Galilei hatte zwar das Trägheitsprinzip entdeckt, aber er ver- mochte es nicht so weit klarzustellen, daß es zu einem Über- tragungsprinzip hätte fortgebildet und zur Grundlage einer Äther- physik gemacht werden können. So viel war freilich klar, daß die Materie nicht impulsiver Natur sei, d. h. nicht selbst die Impulse pro- duziere, durch welche sie bewegt wird, aber dadurch war ihre Trägheit nur negativ gekennzeichnet und zugleich die Herkunft der die Materie bewegenden Impulse in ein undurchdringliches Dunkel gehüllt worden. Die Hauptaufgabe der nachgalileischen Mechanik wäre gewesen, den Trägheitscharakter der Materie zu klären und namentlich irgendwie begreiflich zu machen, was mit dem seltsamen Satze gemeint sei, daß ein Körper, der sich selber überlassen wäre, d. i. auf den keine Kraft einwirke, entweder ruhen oder sich mit gleichbleibender Geschwindigkeit in gerader Linie für alle Zeit fortbewegen müsse. Seitdem Newton dieses so- genannte Trägheits- oder Beharrungsprinzip zum ersten Bewe- gungsgesetz seiner Mechanik erhob, erstarrte es zu einer gleichsam dogmatischen Denkgewohnheit und wurde demzufolge zu einem Hemmschuh des mechanischen und physikalischen Denkens. Die Physiker gestehen es ein, daß dieses Gesetz der Trägheitsbewegung ,,nicht nur kein Axiom ist, sondern allen gewohnheitsmäßigen Vor- stellungen widerspricht", und geben zu,,,daß, wenn wir uns daran nicht gewöhnt hätten, wir wahrscheinlich geneigt wären, das Gegenteil zu behaupten“, ja, sie sprechen es aus, daß es,,der Er- kenntnis unüberwindliche Schwierigkeiten bereitet": nichtsdesto- weniger lassen sie es weiter gelten, weil in der mysteriösen Formel tatsächlich ein Gedanke verborgen liegt, der eine fundamentale Bedeutung für die Physik hat. Dieser Sachlage gegenüber haben wir dem Trägheitscharakter der Materie zunächst die bloß negative Deutung gegeben, daß die Materie nicht aus sich selbst. die Impulse ihrer Bewegung erzeuge, denn dieser Satz läßt - unserer Meinung nach an einleuchtender Kraft nichts zu wün- schen übrig. Nun müssen wir aber schrittweise zu einer positiven Deutung zu gelangen versuchen. Vermag auch die Materie keine