118 Galilei und das Übertragungsprinzip. Unserer Auffassung nach hat Galilei in dem Unterschiede der veränderlichen und der gleichförmigen Geschehnisse eigentlich die beiden Grundarten des anorganischen Naturgeschehens: die Be- wegung und die Übertragung (Motion und Translation) entdeckt, ohne sich jedoch hierüber jemals ganz klar geworden zu sein. Aber es lag ganz in der Art seines Denkens begründet, alle Bewegung der Materie als notwendig veränderlich zu betrachten, denn er faßte ja die Materie als träge oder impulslos auf und mußte dem- entsprechend den Bewegungszustand der Materie in jedem Augen- blick von dem momentanen Ringkampf der sie treffenden Impulse und Gegenimpulse abhängig machen. Aus solchem Kampf konnte sich aber offenbar in jedem Moment nur eine jeweilig anschwellende oder abflauende Geschwindigkeit, also nur ein veränderliches Ge- schehen ergeben. Andererseits sah aber Galilei auch ein, daß allem veränderlichen Geschehen (d. h. jeder materiellen Bewegung) ein gleichförmiges Geschehen zugrunde liegen müsse, und er war von dem geheimnisvollen Charakter des letzteren ganz und gar ergriffen, denn er fühlte, daß ein gleichförmiges Geschehen niemals aus dem Ringkampf gegensätzlicher Impulse hervorgehen könne. Es ist ihm angesichts des veränderlichen und gleichförmigen Geschehens genau so zumute wie dem Geometer gegenüber der krummen und der geraden Linie. Der echte Geometer weiß, daß nicht die krumme, sondern die gerade Linie das größere Geheimnis in sich birgt, denn die krumme Linie wirkt anregend auf seine kombinierende Phantasie, während die Gerade durch ihren starren Hinweis auf die unendliche Ferne seine Einbildung selbst zum Erstarren bringt. Ebenso fühlt der echte Physiker sich durch das veränderliche Ge- schehen zu erfinderischer Tätigkeit angeregt, während das gleich- förmige Geschehen mit seinem unveränderlichen Tempo direkt ein Bild der Ewigkeit ist und den Herzschlag in der menschlichen Brust zum Stillstand bringt. Man glaube nur ja nicht, daß solche ,,ästhetischen Gedanken" dem exakten Forscher ferne liegen! Ist es doch offenbar, daß das gewaltige Temperament Galileis in der Einzelforschung von dem veränderlichen Geschehen (der mate- riellen Bewegung) angezogen wird, während sein Nachdenken stets vom gleichförmigen Urgeschehen fasziniert bleibt. Es hing förm- lich an einem Haar, ob es ihm schließlich doch gelingen könne, den grundsätzlichen Unterschied zwischen den zwei Typen des Naturgeschehens auf Begriffe und Worte zu bringen. Nicht die Kraft seines Schauens und Konstruierens, sondern die Kraft seines diskursiven Denkens versagte dieser Aufgabe gegenüber. So geschah es, daß er das gleichförmige Geschehen mit demselben verfänglichen Worte: Bewegung bezeichnete wie den veränder- lichen materiellen Vorgang. Es ist die Folge dieser verhängnis- vollen Wortentgleisung, daß sich seitdem ein verwirrendes Zwie-