Galilei und das Übertragungsprinzip. 117 fallen und sprach beide Typen von Geschehnissen unter dem gemeinsamen Namen,,Bewegung" an. Trotzdem wollen wir ver- suchen, das durch Galilei fallengelassene Kriterium des Unter- schiedes zwischen den zwei Arten des Geschehens vom Boden, wo es auch heute noch liegt, wieder aufzuheben. Galilei hatte gefun- den, daß alle konkreten Bewegungen, die Fall- sowie die Wurf- bewegungen, die er erforschte, ungleichförmige Geschehnisse seien, d. h. eine veränderliche Geschwindigkeit haben, aber er erkannte auch die erkenntnistheoretische Wahrheit, daß der menschliche Verstand unfähig sei, ein ungleichförmiges Geschehen aufzufassen, ohne ihm ein gleichförmiges Geschehen zugrunde zu legen. Diese so einfache Verstandesnotwendigkeit bildet ein unverrückbares Fundament der Galileischen Mechanik (Physik). Wenn wir nämlich ein ungleichförmiges Geschehnis erfassen wollen, müssen wir es in sehr kurze Intervalle eingeteilt denken und in dieselben eben so kurze, aber gleichförmige Geschehnisse ein- schieben, welche letztere wir den ersteren annähernd gleichwertig setzen. Dadurch ist das ganze ungleichförmige Geschehen in den Zaun von äußerst kurzen gleichförmigen Geschehnissen gleichsam eingefriedet und unserer menschlichen Fassungskraft angepaßt. Diese Einfriedungsmethode der ungleichförmig verlaufenden Er- eignisse in lauter sehr kurze gleichförmige Vorgänge, die später zur Erfindung der höheren Mathematik durch Leibniz und Newton trieb, kommt in den galileischen Konstruktionen der verschieden- artigen Fall- und Wurfbewegungen zum Vorschein: mit beson- derer Klarheit beim horizontalen Wurf. Da sieht man auf der ori- zontalen Linie ein gleichförmiges, auf der vertikalen ein ungleich- förmiges Geschehnis symbolisch dargestellt, und es ergibt sich aus ihrer,,Zusammensetzung" die wohlbekannte Wurfparabel. Jedem verfließenden Zeitmoment entsprechend, kann an dem betreffen- den Punkt der Parabel eine Tangente gezogen werden, welche zur symbolischen Darstellung des in jenem Zeitmoment statthabenden gleichförmigen Impulsereignisses benutzt wird. Das ganze ungleich- förmige Geschehnis des Wurfs wird solchermaßen in lauter dicht aufeinanderfolgende gleichförmige Impulsereignisse eingefriedet und dadurch der menschlichen Fassungskraft zugänglich gemacht. Der Physiker (Mechaniker) verfährt dabei in schönster Analogie mit dem Geometer. So wie der Geometer eine krumme Linie durch Einhüllung in die Gesamtheit ihrer Tangenten kennzeichnet, so charakterisiert auch der Physiker das ungleichförmige Geschehnis durch die Einfriedung in die Gesamtheit seiner gleichförmigen (tan- gentialen) Impulsereignisse. Dieses Gleichnis macht zugleich darauf aufmerksam, daß die gerade Linie stets als Allegorie des gleich- förmigen, die krumme hingegen als Allegorie des ungleichförmigen Geschehens betrachtet werden kann.