116 Galilei und das Übertragungsprinzip. Übrigens sei bemerkt, daß der Widerstreit der beiden galilei- schen Bewegungsaspekte zunächst auf dem Gebiete der himmli- schen oder makrokosmischen Bewegungen ausgekämpft werden mußte, denn der Gegensatz zwischen dem ptolemäischen und dem kopernikanischen System beruht ja im letzten Grunde darauf, daß wir einen inneren und einen äußeren Anblick von der Bewegung haben. Im inneren Anblick zeigt sich uns die Erde als ruhend, weil wir kein Sinnesorgan für die Übertragung ihrer Bewegtheit auf unseren Leib haben. Also mußte sich Kopernikus in seiner Einbildung von der Erde losreißen, um gleichsam im Weltäther schwebend einen Außenanblick von der Erde zu gewinnen und solchermaßen zu erkennen, daß die scheinbare Rotation des Fix- sternhimmels auf die wirkliche Rotation der Erde zurückzuführen sei usw. Galilei hat nun den kopernikanischen Gesichtspunkt ver- allgemeinert, indem er jede in den menschlichen Bereich fallende, mesokosmische Bewegung mit kopernikanischen Augen ansah und zweierlei Anblicke an ihr entdeckte. Dabei mußte aber seine Einbildung einen entgegengesetzten Schwung nehmen, als dies bei der Begründung der astronomischen Lehre des Kopernikus erforderlich war. Mesokosmischen Bewegungen wie z. B. dem fal- lenden Stein, dem schwingenden Pendel gegenüber, ist uns näm- lich der äußere Anblick der Bewegtheit von 'vornherein gegeben: hier gilt es also, sich durch einen Schwung unserer Phantasie in das Innere des bewegten Körpers hineinzuversetzen, wie dies Galilei tat. Dadurch zeigt sich uns, daß die Teilchen des fallenden Steins die Fallbewegung zwar mitmachen, aber nur wie mitgenom- mene Passagiere, also die Bewegtheit des Steins nicht etwa durch ihren Impuls verursachen, ebenso wie die Passagiere eines Schiffes nicht durch einen von ihnen stammenden Impuls die Schiffs- 'bewegung produzieren. Durch eine solch einfache Betrachtung hatte Galilei den Trägheitscharakter der Materie entdeckt. Er erkannte, daß die Weltmaterie an sich impulslos sei, d. h. daß keiner ihrer Teile einen eigenen Bewegungsimpuls be- sitze, sondern Impulse immer nur anderswoher in Übertragung empfange, erleide und dieselben in Orts- veränderung umsetze. Dies ist der nächste und unmittel- barste Sinn des der Mechanik zugrunde liegenden Trägheits- gedankens. Wir kommen nunmehr zu dem schwierigeren Teile unserer Betrachtung, wo es sich darum handelt, zwischen den Vorgängen der Bewegung und Übertragung einen prinzipiellen Unterschied zu machen. Eigentümlicherweise schien Galilei diesen Unterschied gefunden zu haben, ja seine ganze Mechanik darauf zu gründen, aber so oft und so scharf er auch die Bewegung und Übertragung auseinander halten mochte, ließ er sie doch immer wieder zusammen-