VI. Galilei und das Übertragungsprinzip. I. Die Lehre des Kopernikus enthält zwar den Keim zu einer allgemeinen Wissenschaft von der Bewegung, aber es mußte erst ein Galilei kommen, um diesen Keim zu einer fruchtbaren Ent- faltung zu bringen. Wohl hat Galilei bedeutsame Beiträge auch zur eigentlichen Sternkunde geliefert und durch sein Eintreten für die kopernikanische Lehre mächtig auf den abendländischen Geist eingewirkt, aber zu einem eigentlichen Reformator der mensch- lichen Erkenntnis ist er erst durch die Schaffung jener Bewegungs- lehre (Mechanik) geworden, von der die Alten noch kaum eine Ahnung hatten. Kopernikus hat uns die Erde selbst im Lichte eines Fahrzeuges oder Vehikels gezeigt, das alle auf ihm befind- lichen Dinge in seiner Fahrt durch die Himmelsräume mit sich nimmt: Galilei hingegen hat diese Idee des Vehikels sachte zur Erde, in unsere engen, kleinen menschlichen Verhältnisse zurück- gebracht und dadurch die bishin verschlossenen Pforten einer neuen Erkenntnisart geöffnet. Man wird sich vielleicht darüber verwundern, daß wir den Begriff des,,Vehikels" für so wichtig halten, daß wir ihn zum Mittelpunkt der ganzen Physik machen; aber wir nehmen ihn in einem allgemeineren Sinne, als er gewöhn- lich aufgefaßt wird. Für uns ist ein jeder bewegter Körper ein Vehikel, denn er nimmt ja alle Partikel, Moleküle, Atome usw. auf seiner Bahn mit, d. h. er überträgt seine Systembewegung auf alle Teilsysteme, die gleichsam als Passagiere seine Bewegung mitmachen. Mit anderen Worten: es gibt in der Erfahrung niemals eine Bewegung ohne Übertragung von Bewe- gung, denn es kann von der Bewegung eines Körpers, eines ma- teriellen Systems nur aus dem Grunde die Rede sein, weil dieses System seine Bewegung auf alle in ihm enthaltenen (tiefer stehen- den) Teilsysteme überträgt. So einfach und selbstverständlich dieser Satz ist, bildet er trotzdem das Fundament und den Schlüssel zu der durch Galilei geschaffenen neuen Bewegungslehre. Wir wer- den diesen grundlegenden Satz als das Prinzip von der natur- notwendigen und denknotwendigen Zusammengehörig- keit (Einheitlichkeit) der Bewegungs- und Übertragungs- vorgänge bezeichnen.