Kopernikus und die Relativitätstheorie. 111 tungen niemals angeschaut, sondern immer nur durch den Verstand erschlossen werden können, worauf eben ihre ihre tief geheimnisvolle Natur beruht. Man pflegt nicht darauf zu achten, daß schon der Begriff des Fahrens, d. h. des Mitgenommen werdens durch ein Fahrzeug (mathematisch: durch ein Koordinatensystem) etwas Unaufgeklär- tes in sich enthält, was sich dann an der mathematischen Behand- lung der Bewegungsprobleme schwer rächt. Jemand ruht in einem Fahrzeug und bewegt sich trotzdem (sagen wir in einem Schnelldampfer) mit einer Geschwindigkeit von zwölf Meter in der Sekunde durch den Raum. Jeder Tropfen seines Blutes, jede Zelle seines Leibes ist mit dieser Geschwindigkeit von zwölf Meter imprägniert, aber trotzdem ist diese für ihn so gut wie nicht vor- handen. Wie soll das Paradoxon gedeutet werden, daß etwas zu ruhen scheint, aber in Wirklichkeit von einer Bewegung ergriffen ist? Das ist ja eben, ruft der eine aus, das Relativitätsprinzip, denn relativ zu den Schiffswänden ruht unser Leib, während er relativ zum Ufer bewegt ist. Nein, entgegnet der andere, es handelt sich hier um das Galilei-Newtonsche Trägheitsprinzip. Im Sinne dieses Prinzips wird sich ein Körper bei Abwesenheit aller Krafteinwirkung in konstanter Richtung mit konstanter Geschwin- digkeit (geradlinig-gleichförmig) fortbewegen, d. h. sich in einer Trägheitsbewegung befinden, wie z. B. die hier im Schiffs- raume befindlichen scheinbar ruhenden Dinge. Mit Verlaub, entgegnet der erste, der vorliegende Fall hat nichts mit dem Träg- heitsprinzip zu tun, denn die scheinbar ruhenden Dinge im Schiffs- raume haben eine Geschwindigkeit von 12 Meter nur deshalb, weil die Schiffsgeschwindigkeit sich auf sie überträgt. Sehr richtig, meint der zweite. In den ersten Augenblicken der Abfahrt, wo das Schiff sich in Bewegung setzte und die Geschwindigkeit von null auf zwölf Meter anstieg, geschah wirklich eine „Über- tragung" der Geschwindigkeit, die damals auch erheblich fühlbar wurde, indem man durch einen Ruck beinahe rückwärts fiel. Die Sohlen bewegten sich schon, aber die Bewegung hatte sich dem trägen Oberleibe noch nicht mitgeteilt, und daraus entsprang die drohende Unannehmlichkeit, das Gleichgewicht nach rückwärts zu verlieren. Seitdem aber das Schiff seine konstante Geschwindig- keit erlangte, befinden sich alle in ihm scheinbar ruhenden Dinge in einer sogenannten Trägheitsbewegung. Wie seltsam, bemerkt der erste, ich hätte geglaubt, daß die Übertragung von zwölf Meter Geschwindigkeit immer von neuem stattfände und nur im Sinne des Relativitätsprinzips den Insassen nicht wahr- nehmbar wäre. Würde die Geschwindigkeit von zwölf Meter immer von neuem übertragen werden, behauptet der zweite, so müßten sich diese Geschwindigkeiten zu einer beschleunigten ― ― ―――