Lenard und Einstein. 103 matischen Entwicklungen gelangt, stimmt völlig mit derjenigen überein, die Einstein mit seinem gewaltigen mathematischen Appa- rat und mit Hilfe grundstürzender Ideen über Raum und Zeit gewann. Wenn aber die einfachen Mittel Soldners ausreichen, so ist die hochgespannte Künstlichkeit des Einsteinschen mathe- matischen Apparats, wenigstens in diesem Falle, durchaus über- flüssig. Und wenn Soldner mit seinen herkömmlichen Ideen über Raum und Zeit dieselbe Formel ableitet wie Einstein mit seinen relativistischen Vorstellungen, so ist es klar, daß die letzteren keinen Einfluß auf die Berechnungen haben können und daß die Bestätigung des Relativismus durch die englischen astronomischen Beobachtungen nur eine Scheinbestätigung war. Lenard führt auch im einzelnen aus, daß die übrigen sogenannten Bestätigungen der Einsteinschen Theorie einen ähnlichen illusorischen Charakter haben. Es erleidet keinen Zweifel, daß diese Ausführungen die Bedeutung der angeblichen empirischen Beweise der Relativitäts- theorie wesentlich abschwächen und zweifelhaft machen. Aber angenommen, daß sämtliche Bestätigungen, die die Relativitätstheorie bisher erfuhr, irreführend wären, so wäre das Prinzip selbst noch lange nicht widerlegt. Das meint auch Lenard gar nicht. Denn es wäre sehr wohl denkbar, daß ein so geistreicher Forscher wie Einstein sich eine eigene Methode schafft, vermittels deren er zu solchen systematischen Bestätigungen seines Prinzips gelangt, die jeder Kritik standhalten. Aufrichtig gestanden, scheint mir seiner Denkweise gerade eine solche Methodik zu man- geln. Die Relativitätstheorie macht den Eindruck, daß man in ihre mathematische Bergfestung durch langes Studium hinein- gelangen könne, daß aber aus ihr kein Weg zur Bestätigung durch das Experiment hinausführt. Wie dem aber auch sein möge, so viel steht fest, daß der Kampf zwischen Ätherlehre und Relativitäts- theorie zu überraschenden und großen Ergebnissen führen muß, die der deutschen Wissenschaft zu höchster Ehre gereichen werden. Die deutsche Nation hat schweres Leid und tiefe Demütigung zu ertragen, aber sie kann darin einigen Trost finden, daß die deutsche Wissenschaft durch ihren lauteren und unbeugsamen Wahrheits- willen der Menschheit noch unermeßliche Dienste leisten wird.