98 Kritik der Relativitätstheorie. nügend entwickelt, aber man braucht nur die Wechselwirkung von Äther und Materie schärfer durchzudenken und namentlich die Begriffe von der Beschaffenheit der Doppelsubstanz zu präzi- sieren, um auch eine eigentliche Lehre von der Gravitation zu erhalten. Jedenfalls muß der Gedanke, daß Materie unmittelbar auf die Materie einwirken könnte, aufgegeben und immer der Äther als Vermittler zwischen Materie und Materie eingeschoben werden. Leider wirkt aber der Abweg, auf den die Lorentz-Ein- steinsche Relativitätslehre geraten ist, vielfach behindernd auf den Fortschritt der mathematischen Physik, insbesondere auf die Wechselwirkungslehre von Äther und die Materie, wie wir dies in folgendem noch näher ausführen wollen. Da, wie wir sahen, die wissenschaftliche Welt mit falschen Erwartungen an den Michelson-Versuch herantrat, war der füh- rende mathematische Physiker unserer Tage, der sich große Ver- dienste um ihren Fortschritt erworben hatte, H. A. Lorentz, be- müht, den Versuch so zu deuten, daß er trotzdem eine Erfüllung der falschen Erwartungen enthalten sollte. Man hielt krampfhaft daran fest, daß die Erdgeschwindigkeit zur Lichtgeschwindigkeit hinzuaddiert und von ihr subtrahiert oder parallelogrammatisch mit ihr zusammengesetzt werden könne, d. h. man machte die Licht- ausbreitung zu einem mechanischen Bewegungsvorgang. Da je- doch der Michelson-Versuch eben das Gegenteil bewies, war guter Rat teuer. Lorentz kam (gleichzeitig mit Fitzgerald) auf den Ge- danken, daß der erwartete Effekt des Michelson-Versuchs nur deshalb ausblieb, weil ein jeder Körper, der sich bewegt, in der Richtung seiner Bewegung verkürzt wird (und zwar in dem Ver- hältnis von v2 V 1 : 1. v bedeutet hier die Körpergeschwindig- c2 ― 1 keit, c die Lichtgeschwindigkeit). Allerdings wäre die Verkürzung sehr gering: ein Stab von 1 km Länge würde nur um mm 200 und der Erddurchmesser in der Richtung der Erdbahn nur um 6,3 cm verkürzt werden. Eine solche Verkürzung wäre natürlich mit keinem Maßstab meßbar, weil alle Maßstäbe, welche angelegt werden sollten, in der Bewegungsrichtung selbst eine entsprechende Verkürzung erleiden müßten. Man sieht, wohin ein einmaliger Irrtum führt, wenn man an ihm konsequent festhält: er gebiert immer neue Irrtümer. Hatte man einmal die falsche mechanistische Annahme gemacht, daß die Erdbewegung sich zu der Lichtaus- breitung hinzuaddieren kann, und wollte man sie durch den Michel- son-Versuch um jeden Preis bestätigt finden, so blieb natür- lich nichts übrig, als den Erddurchmesser in der Richtung der Erdbewegung sich verkürzen zu lassen. Dadurch war eine ganz neu-