Kritik der Relativitätstheorie. 85 in verhaltener Weise, so doch zu deutlichem Ausdruck, und man hatte das Gefühl, daß der Kampf für und wider die Relativitäts- lehre zwar eine Krise der exakten Naturwissenschaft bedeute, aber für die Klärung der Grundlagen der Physik und für die Herbeiführung ihres fortschreitenden Aufbaues ganz uner- läßlich sei. Stellung zu nehmen in der Streitfrage, ob die Relativitäts- theorie wirklich einen Beitrag zur philosophischen Vereinheit- lichung der Physik darstelle oder, wie man in dem Gegenlager be- hauptet, ob sie einen wesentlich verwirrenden und destruktiven Charakter habe; um diese Frage auch nur annähernd bewältigen zu können, muß ich auf das ältere Einheitsstreben in der Physik hinweisen, auf die sogenannte mechanistische Richtung in der- selben, die alle raumzeitlichen Erscheinungen der anorganischen Welt auf die Bewegung als Grundphänomen zurückführen wollte. Diese Richtung hat zwar eine glorreiche Vergangenheit, denn ihre unsterblichen Vertreter, wie Galilei, Descartes, Newton und die lange Reihe ihrer großen Nachfolger haben recht eigentlich die neuzeitliche Naturauffassung und jenen gewaltigen Fortschritt begründet, auf den die moderne Zivilisation so stolz ist, aber nichts- destoweniger kann nicht geleugnet werden, daß die einseitig mechanistische Richtung des Naturdenkens sich ausgelebt hat und unfruchtbar geworden ist. Noch vor ein paar Jahrzehnten war in den Lehrbüchern der mathematischen Physik zu lesen: Aufgabe der Physik sei, alle Vorgänge der physischen Welt auf Bewegungsvorgänge zurückzuführen; heute würde mehr kaum irgendwo ein Fachmann zu finden sein, der diese These unter- schriebe, und täte dies doch jemand, so würde man ihn für einen Rückständigen halten, der die neueste Entwicklung der Physik durchaus verschlafen hat. Das ist die erstaunliche theoretische Errungenschaft unseres elektrischen Zeitalters, daß man allgemein überzeugt ist, die Vorgänge der anorganischen Natur lassen sich nie und nimmer auf bloße Bewegungen reduzieren. Und da in dieser grundlegenden Auffassung wenn sie auch nur einen ne- gativen Charakter zeigt - Meister und Handlanger der Natur- erkenntnis, Gegner wie Freunde der Relativitätstheorie gleich sehr übereinstimmen, so nimmt meine philosophische Betrach- tung von hier ihren Ausgangspunkt. Denn in jedem wissen- schaftlichen Streit, der nicht zu einem Kampf der Vorurteile und der Leidenschaften ausarten soll, müssen die Gegner vor allem eine gemeinsame Plattform finden, auf der sie ihr Wahrheits- duell nach allen Regeln der geistigen Ritterlichkeit auskämpfen müssen. Diese gemeinsame Plattform ist aber die Tatsache, daß alle Welt die einseitig mechanische Naturansicht für überwunden betrachtet. Sie ist samt ihrem unsterblichen Ruhm so gut wie