82 Die Relativitätstheorie in der modernen Physik. verschiedene Zeitachsen repräsentieren. Im vierdimensionalen Raume sind also ∞ Zeitachsen denkbar, die alle eine verschiedene symbolische Richtung haben und symbolische Winkel miteinander bilden. Man verwundere sich nicht allzusehr über diesen Sach- verhalt, denn die innige Beziehung, in die wir Zeit und Raum mit- einander setzten, hat zur Folge, daß die Zeit eine Richtung an- nimmt, zu einem symbolischen Vektor wird. Auch unser gewöhn- licher vager Zeitbegriff entbehrt ja nicht ganz der Richtungs- eigenschaft, denn wir unterscheiden in ihm eine symbolische Richtung nach rückwärts in die Vergangenheit und nach vorwärts in die Zukunft hin. Schon der naivste menschliche Verstand bringt solchermaßen die Zeit mit dem Raum in analogische Beziehung und überträgt in symbolischer Weise den aus der Raumanschau- ung gewonnenen Richtungsbegriff auf den Zeitstrom. Während aber der naive Verstand nur eine ganz lockere Beziehung zwischen Zeit und Raum kennt und demzufolge nur die Idee eines einzigen Zeitstromes besitzt, ist der mathematisch ausgebildete Ver- stand logisch genötigt, eine höchst innige Beziehung zwischen Zeit und Raum zu statuieren, und gelangt dadurch zur Denkbarkeit von ∞³ verschiedenen Zeitströmen, die in symbolischen Winkeln zusammenstoßen. Er verallgemeinert (,,relativiert“) den Zeit- griff und faßt den Zeitstrom unserer Welt bloß als einen spe- ziellen Fall von 3 verschiedenen Zeitströmen oder Zeitvektoren auf. (Diese Verallgemeinerung ist schon im § 19 meiner Schrift ,,Neue Theorie des Raumes und der Zeit" enthalten). Man darf an dieser Verallgemeinerung des Zeitbegriffes ebensowenig An- stoß nehmen als etwa an der Verallgemeinerung des Zahlbegriffes in der Algebra. Man wird sich an die Vielheit der Zeitvektoren ebenso gewöhnen wie an die komplexen Zahlen r (cos + i sin g) und ihre Darstellung durch Raumvektoren; ja es wird bei unseren Nachkommen ein Lächeln erregen, daß wir mit der Vielheit der Zeitströme soviel Aufhebens machten. Mit der Verallgemeinerung des Zeitbegriffes ist notwendig auch eine Verallgemeinerung des Welt- begriffes verbunden. Jedem Zeitvektor entspricht nämlich eine ihm zugeordnete Welt, d. h. man kann sich längs eines jeden Zeitvektors eine in gleichförmiger Translation befindliche Welt- materie denken, so daß im vierdimensionalen Raume eine drei- fache Mannigfaltigkeit von verschiedenen materiellen Welten als denkbar erscheint, die sich durch den Charakter ihres Zeitstroms voneinander unterscheiden. Wie viel physische Welten man kon- zipiert, soviel verschieden geartete Zeitströme muß man ihnen zugrunde legen. Natürlich handelt es sich uns gar nicht um eine phantastische Betrachtung dieser denkmöglichen Zeitströme und Welten. Nur insofern astronomische Tatsachen uns dazu zwingen,