Die Relativitätstheorie in der modernen Physik. 81 dem wir die gleichförmige Translation als reale Unmöglichkeit und nur in symbolischer Gestalt existierend nachwiesen, doch ist hier- mit nur der geringere Teil einer Revision des Trägheitsprinzips voll- bracht. Dieses mystische Prinzip, das aller Mechanik und mithin auch allem physikalischen Denken zugrunde liegt, spricht nämlich von dem Fall, wo ein Körper ohne Einwirkung von äußeren Kräften ,,sich selbst überlassen" bleibt; dieser Fall verliert aber jeden Sinn, wenn man die Materie als notwendig mit dem Äther in Wechsel- wirkung stehend denkt. Weiterhin handelt das Trägheitsprinzip eigentlich nicht von sich selbst überlassenen materiellen Punk- ten, sondern von Körpern, bezieht sich also in der Galilei- Newtonschen Formulierung auf Kollektiv- und nicht auf Sin- gulärbewegungen, so daß die Frage entsteht, ob das Prinzip sich auf die verschieden gearteten Bewegungsformen in gleicher Weise erstrecken soll. Nicht minder verfänglich ist die Frage, warum das Trägheitsprinzip von den gleichförmigen Rotationen schweigt und sich nicht auch direkt auf diese erstreckt? Endlich spricht ja die klassische Mechanik nicht bloß von einer Trägheit, sondern auch von einer,,Trägheitskraft": ein Begriff, der zugestandenermaßen nicht nur die Theorie der Zentrifugalbewegung, sondern der Be- wegung überhaupt tief verdunkelt hat. Kurz, das Trägheitsprinzip der Mechanik, das ursprünglich der höchst genial ersonnene Grund- gedanke einer neuen Wissenschaft war, hat sich im Verlaufe der Jahrhunderte zu einem Trägheitsprinzip des menschlichen Ver- standes fortentwickelt, zweifellos aus dem früher dargelegten Grunde, weil die klassische Mechanik den Unterschied von Sin- gulär- und Kollektivbewegung vernachlässigte und nicht zu der Einsicht gelangte, daß die Bewegungslehre ebensowenig ohne den Begriff des Äthers als ohne den der Materie auskommen kann. In mathematischer Hinsicht werden wir uns bei der Unter- suchung der Kollektivbewegung der Weltmaterie und der ent- sprechenden Weiterbildung des Zeitbegriffes auf die trefflich aus- gearbeitete vierdimensionale (und die allgemeine n-dimensionale) Geometrie stützen können. Der Übergang von einem dreidimen- sionalen Querraum zum anderen kann nämlich in sehr verschie- dener Weise geschehen; der Zeitbegriff hängt aber gerade mit diesem Übergang in engster Weise zusammen. Wer in der Geo- metrie auch nur einigermaßen bewandert ist, sieht es leicht ein, daß so wie die gerade Linie ∞ Punkte, die Ebene ∞² gerade Linien, der Raum ∞3 Ebenen, so der vierdimensionale Raum ∞04 drei- dimensionale Räume enthalten muß. Nicht minder leicht faßt man es, daß ein Punkt sich in einer Ebene nach ∞ Richtungen hin, im Raume nach ∞2, im vierdimensionalen Raume aber nach ∞³ Richtungen bewegen kann. Diese letzteren Richtungen haben natürlich bloß symbolischen Charakter und können demzufolge ∞³ 6 Palágyi, Weltmechanik.