Die Relativitätstheorie in der modernen Physik. 79 leugnen. Jede der beiden Ordnungen fordert die Existenz der anderen, damit sie selbst bestehen könne, d. h. Zeit und Raum bedingen einander gegenseitig: sie bilden eine einheitliche, korre- lative Doppelordnung. Genau so verhält es sich auch mit den beiden physischen Substanzen, dem Äther und der Materie: sie sind grundwesentlich voneinander verschieden, aber sie können ohneeinander nicht bestehen; sie bilden eine korrelative Einheit. Dies folgt aus dem Umstande, daß die Bewegungen und Bewegungs- änderungen, deren Träger die Materie ist, im Verhältnis der wechsel- seitigen Bedingtheit stehen zu den Spannungen und Spannungs- änderungen, die am Äther haften. Hierin sind die Grund- gedanken jener Korrelationstheorie ausgesprochen, die wir der Relativitätstheorie entgegensetzen. Wir hielten es jedoch nicht für nötig, die letztere Benennung zu verwerfen, weil es uns nicht auf den Namen, sondern auf die Sache ankommt. Erwähnt sei nur, daß die Forderung einer Korrelationstheorie schon in der Schrift,,Neue Theorie des Raumes und der Zeit" (1901) enthalten ist, nur tritt sie dort unter dem Namen eines,, Reziprozitätsgesetzes der Physik" auf. - "" Wir nehmen also den Begriff der Vereinheitlichung in einem wesentlich anderen Sinne, als es die Monisten unserer Tage zu tun pflegen. Monistische Denker halten sich für gewöhnlich für ver- pflichtet, die Grundverschiedenheiten, die in der Natur und in unseren Begriffsinhalten bestehen, aufeinander zurückzuführen“ und solchermaßen die fundamentalen Unterscheidungen, die sie im Anfang selbst zu fixieren gezwungen sind, hinterher vollständig rückgängig zu machen. Sie sind imstande, nachdem sie Zeit und Raum, Erscheinung und Substanz, Materie und Äther, Bewegung und Spannung, Singulär- und Kollektivbewegung usw. usw. fort- während unterschieden haben (und im geheimen auch weiter unter- scheiden), plötzlich mit der Forderung hervorzutreten, die beiden Hälften solcher Begriffspaare,,aufeinander zurückzuführen", d. h. die in diesen Begriffspaaren niedergelegten Unterscheidungen, ohne welche ein menschliches Denken zur Unmöglichkeit wird, aufzu- heben. Sie vernichten die in der Natur bestehenden Grundverschie- denheiten und heben damit auch das menschliche Unterscheidungs- vermögen, den menschlichen Verstand auf, in dem guten Glauben, hierdurch eine einheitliche oder monistische Weltauffassung er- langen zu können. Dabei erheben sie aber unvermerkt den logi- schen Widerspruch zum Grundprinzip ihres Denkens, d. h. sie geraten in den echtesten systematischen Dualismus, der sich darin äußert, daß sie aus einem Widerspruch in den anderen geraten. Demgegenüber scheint uns die Hauptaufgabe des menschlichen Denkens darin zu bestehen, die bestehenden und aufeinander nicht zurückführbaren Grundverschiedenheiten zu erforschen und einen