76 Die Relativitätstheorie in der modernen Physik. gemeinschaftliche Bewegungen mehrerer materieller Punkte möglich werden, so muß ein kontinuierliches Substrat existie- ren, dem die Rolle zufällt, zwischen allen diskreten Punkten der Weltmaterie zu vermitteln, d. i. Erregungen von den bewegten materiellen Punkten zu empfangen und umgekehrt gemeinschaft- liche Erregungen (Impulse zu Kollektivbewegungen) an sie abzu- geben. Daraus ist zu ersehen, daß eine konsequente Ausbil- dung des bloßen Bewegungsbegriffes mit ebensolcher Denknotwendigkeit zur Annahme eines Äthers wie einer Materie führt. Die klassische Mechanik vermochte sich niemals zu dieser Einsicht aufzuraffen, weil sie den wesentlichen Unterschied zwischen Singulär- und Kollektivbewegung nicht er- faßte. Und doch erleidet es keinen Zweifel, daß diese zwei Be- wegungsarten notwendig unterschieden werden müssen. Will man eine Bewegung möglichst scharf individualisieren, d. h. den von ihr ergriffenen Bezirk möglichst eng umschreiben, dann wird man zur Atomisierung der Materie, zu ihrer völligen Aufsplitterung in diskrete Massenpunkte gedrängt. Dadurch zerfällt aber die ma- terielle Welt in so viel isolierte und voneinander unabhängige Kleinwelten, in wie viele Punkte man die Materie zerspaltet. Eine vollständigere Zusammenhanglosigkeit, als zwischen diesen Massen- punkten besteht, eine vollständigere Vernichtung der Welteinheit läßt sich nicht mehr denken. Wenn eine solche völlige De- struktion überhaupt bestehen könnte, so wären in ihr nur noch Singulärbewegungen von Massenpunkten denkbar, die aber außer jeder Beziehung zueinander stünden. Ein Bewegtsein von dem gleichen Impuls, ein Zusammenbewegtsein, d. i. eine Kollektiv- bewegung, wäre in einer solchen Welt unmöglich. Also muß ein Substrat angenommen werden, das die verlorene Gemeinschaft zwischen den Massenpunkten wiederherstellt, Kollektivbewegungen zwischen ihnen möglich macht. Dieses Substrat muß mit allen materiellen Punkten in Wechselwirkung stehen, von ihnen Er- regungen empfangen und Erregungen auf sie übertragen, folglich den ganzen Weltraum kontinuierlich erfüllen, denn wäre es dis- kontinuierlich, so könnte es die Kollektivität zwischen den dis- kreten Massenpunkten nicht herstellen. Da ferner die materiellen Punkte die Träger aller Bewegung, der kollektiven ebenso wie der singulären Bewegung sind, so muß das sie verbindende kontinuier- liche Substrat ein unbewegtes, ruhendes sein und als der Träger aller Spannungen und Spannungsänderungen der physischen Welt aufgefaßt werden. Dieses die Materie denknotwendig ergänzende Substrat ist der Weltäther. Ihre beiderseitigen Grundeigenschaften sind dementsprechend polarer Natur. Ist die Materie diskonti- nuierlich, so muß der Äther kontinuierlich sein; ist die immer